Ohne Titel

 

 

 

 

 

 

Ich habe ein wenig gesammelt, wie man das im Herbst so tut. Als Aufwärmübung vielleicht. Hoffentlich. Die letzten Monate sind schwer in Worte zu fassen. Mit so vielen Zweifeln hatte ich zu tun, die mich zum kompletten Stillstand hier im Blog niedergerungen haben. Das klingt jetzt aktionsgeladener als es ist. Eigentlich fühlt es sich an wie zäher, langer Kaugummi.

Die Zweifel betreffen und betrafen immer wieder mich selbst. Nicht nur, aber zum großen Teil. Es ist schon erstaunlich, wie lange man erwachsen sein kann, ohne sich erwachsen zu fühlen. Oder vielleicht entwachsen. Entwachsen den immer gleichen Verhaltensmustern, die so vetraut sind und die man sich trotzdem nicht zu Freunden machen will. Als Freunde stellt man sich ganz andere Typen vor. Aber auch das ein Kapitel, das immer wieder zu schnell zugeschlagen wird oder sich gar nicht erst öffnet.

Seelenstriptease soll das hier nicht werden. Jedoch, das eine hat mit dem anderen zu tun. Die Trennschärfe hinzubekommen, war meine Angelegenheit nie. Zig Blogtexte im Kopf begonnen, zu Tode gezweifelt, bevor das erste Wort getippt war.

„Geschichten erzählen von Freude und Fleiß, Geschichten erzählen, die noch keiner weiß … “, so wurde gesungen, damals in der DDR beim Sandmann, als ich Kind war. Ich mochte das Format. Es waren kurze Dokumentationen über Berufe, die Eltern so haben konnten. Schön war das, als Kind vor dem Sandmännchen sitzend.

Heute ist der 9. November. Ich heule auch nach über 25 Jahren, wenn ich die Bilder der Grenzöffnung von 1989 im Fernsehen sehe. Ich heule. So wie es das Wort will. Ich weine um all das, was nicht in den Geschichten beim Sandmann erzählt wurde, ich weine um zerstörte Biographien, um zu früh gegangene Menschen, um betrogene Hoffnungen, ich weine um elternlose Kinder und um kinderlose Eltern, ich weine um Freundschaften und um mißbrauchtes Vertrauen. Ich weine um so vieles mehr. Und ich weine aus Freude an der Chance, ein Leben führen zu dürfen, das ohne die Geschichten auskommt, die beim Sandmann nicht erzählt wurden.

Ich bin immer interessiert daran gewesen, diese Geschichten mit vielen Stimmen erzählt zu bekommen. Und mir war dabei bewußt, daß es nicht nur diese gibt, daß es auch jene gibt, die keine Brüche kennen oder keine Brüche ertragen. Ich wollte selbst Geschichten erzählen. Nicht von Freude und Fleiß, aber vielleicht mit einer neuen Perspektive. Dann kam der Wahlsonntag. Und plötzlich hatte ich keine Lust mehr zu erzählen. Für was, für wen, warum?

Aufgesammelt habe ich in der letzten Zeit dieses:

  • einen wirklich großartigen Vortrag von Chimamanda Ngozi Adichie, der mir die Richtung zurück zu mir gewiesen hat
  • einen Text auf intellectures über die Sichtbarkeit der Diversität von Geschichten beim Deutschen Buchpreis
  • ein gelungenes filmisches Portrait der Schriftstellerin Herta Müller, das zeigt, warum man zwischen den Zeilen ihrer sprachschönen Geschichten immer das Gefühl hat, in einen Abgrund zu blicken
  • diesen wunderschönen Song von Laura Marling, der im ungarischen Film „Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi zu hören ist
  • diese atemberaubenden Farbfotografien von 1913 (hergestellt mit dem autochromatischen Verfahren)

Ich hoffe, wir sehen uns jetzt öfter!

 

2 Gedanken zu „Ohne Titel

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