Momente

 

 

 

 

 

 

In Begleitung des kleinen Jungen, der noch krank ist, versuche ich ein paar Erledigungen in der Stadt zu machen. Wir kommen nur langsam voran. Es gibt viel zu entdecken und manchmal wird einfach so gebummelt, weil die Allmacht der Mama aus Prinzip untergraben werden muß. Inzwischen gleichen unsere Ausflüge einem Ping-Pong-Spiel. Ich ermahne zur Eile, irgendwann kommt der Sohn an mir vorbeigeflitzt, woraufhin ich rufe, daß er nicht so schnell machen soll, um kurz darauf selbst irgendwo stehenzubleiben, weil mich ein Motiv reizt und ich es fotografieren möchte.

Der Sohn läuft vor, kommt wieder zurück und gewährt mir einen ungestörten Moment. Ich löse eine Aufnahme aus und halte mir das Smartphone vor den Bauch, um nachzusehen, ob das Ergebnis meinen Vorstellungen entspricht. Die Kamerafunktion wird wieder aktiv in der Minute, als wenige Zentimeter vor mir eine Dame mit Rollkoffer und wehendem Mantel durchs Bild läuft. Ich kann sie nur von den Knien an abwärts sehen, ihre Beine also, dicht gefolgt von ihrem Rollkoffer. Das Wetter ist klar und sonnig, die Schatten dadurch hart. Ein frischer Wind weht dazu und gibt der Szene durch den herumwirbelnden Mantelstoff einen kraftvollen Schwung. Ich zögere einen Moment zu lang, dann ist die Dame vorbeigerauscht und ich schaue ihr und dem wehenden Mantel enttäuscht hinterher. Lange. So lang bis sie aus meinem Blickfeld entschwindet.

Ich nehme das Smartphone wieder vor die Augen und mache ein zweites Foto meines ursprünglichen Motivs, dem ersten zum Verwechseln ähnlich, aber mit ein paar Änderungen in den Details. Im Bilderordner meines Telefons liegen zwei fast identische Fotos nebeneinander, die klaffende Wunde dazwischen ist unsichtbar. Ein beinah wörtlich zu nehmender Augenblick, von mir herausgelöst aus dem Strom der vergehenden Zeit eines Tages, ist für immer verschwunden. Das Bild, welches nur sichtbar war für mich, wird noch ein paar Tage vor meinem inneren Auge auferstehen, um dann langsam zu verblassen und zu einem wehmütigen Gedanken zu werden, der sich irgendwann seines Ursprungs nicht mehr erinnert. Nichts scheint so unwiederbringlich wie ein verpaßter Moment, im Leben wie in der Fotografie.

Deswegen ist es hier so still geworden. Die Momente ziehen vorüber und ich bin immer einen Tick zu langsam, kann den Film weder anhalten noch zurückspulen. Das Bedauern hat sich zu einem täglich fühlbaren Ziehen im Bauch verdichtet. Kein Tee, keine Schokolade kann es lindern. Ich sammle unablässig Textfragmente, eine Gedankenspur, die ähnlich verblasst wie das Bild der Dame im Trenchcoat. Ein perfekter Moment, dynamisch und mit klaren Konturen, verkommt zum leisen Hauch einer Ahnung und entschwindet. Für immer. Immer wieder.

Ich warte und eile und warte und eile. Daraus entsteht keine gleichmäßige Bewegung, aber man kommt zur Apotheke, zum Drogeriemarkt und wieder zurück.

2 Gedanken zu „Momente

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