Neujahrs-Selfie

 

 

 

 

 

 

Das letzte Jahr hat mich genervt und war doch am Ende, vielleicht gerade deswegen, ein Lehrstück. Die Erkenntnis war mühsam und notwendig. Und sie hat mir den Kompass eingestellt für das kommende Jahr. Ich muß also nur noch in die richtige Richtung laufen. Das klingt sehr einfach und eigentlich ist es das auch. Trotzdem verlaufe ich mich immer wieder, versuche Anschluß zu finden auf Wegen, die nicht meine Wege sind, bin verunsichert auf den Trampelfaden, von denen ich weiß, wie gut sie funktionieren für mich.

So oder so ähnlich war es an einem Wochenende im Februar vor ein paar Jahren. Ich war seit der Geburt meines zweiten Kindes zum ersten Mal allein verreist. Wir waren eine Gruppe von Frauen, die sich vom Studium kannten und wollten zwei entspannte Tage zusammen verbringen. Dafür hatten wir eine große Ferienwohnung im Harz angemietet.

Das Wetter war ungewöhnlich mild und nach einer ersten Runde im Ort kam der Wunsch auf, eine Stadtführung mitzumachen. Es war nicht mein Wunsch. Ich kannte meine Bedürfnisse und wußte, daß ein fester Termin das letzte war, was ich mir für dieses Wochenende vorgestellt hatte. Ich war allerdings mit meiner Abneigung allein und entschied im letzten Moment mitzulaufen, obwohl ich es eigentlich besser wußte. Ich verlor immer wieder den Anschluß an die Gruppe, weil mein Tempo ein anderes war, weil ich an Ecken stehen bleiben wollte, die nicht dafür vorgesehen waren, weil so viele Informationen für mich so schnell nicht zu verarbeiten waren. Nach etwa 2/3 der Zeit entschied ich mich, die Tour abzubrechen und ging zurück in die Ferienwohnung. Ich fühlte mich abgehängt, gleichzeitig aber souverän, weil ich entschieden hatte, eine für mich unbefriedigende Situation zu verlassen.

Das Gefühl des Abgehängtseins ist mir vertraut. Sehr vertraut. Ich habe so oft in meinem Leben ähnliche Situationen erlebt. Schon im Zeugnis der 1. Klasse wurde mir bescheinigt, daß ich zu langsam bin. Die Lösung allerdings ist nicht schneller zu werden. Ich könnte mir das für jedes neue Kalender- oder Lebensjahr vornehmen, ich würde das Scheitern zu meiner zweiten Natur machen. Die Lösung für mich ist und bleibt, ein Gefühl von Souveränität zu entwickeln durch die Kenntnis der eigenen Bedürfnisse und Grenzen. Erst das gibt mir überhaupt die Möglichkeit, mich als Mensch ganz und gar richtig zu fühlen, nicht die Defizite zu beklagen, sondern mich zu freuen für das, was ich bin. Damit taugt man zwar nicht zum role model, aber es gibt immer ein paar Menschen, die sich mitfreuen. Das ist viel wert. Manchmal vergesse ich das.

Ich bin im vergangenen Jahr oft an Stellen abgebogen, die verlockend erschienen und an denen ich meine Alarmsignale ignoriert habe. Mein einziges Ziel für dieses neue Jahr ist also wieder nicht, die Geschwindigkeit zu erhöhen, sondern auf mich selbst zu hören. Mehr kann ich nicht tun. Alles andere ist ein Ergebnis davon, wie gut mir das gelingen wird.

Solltet ihr ein Kind haben, das ein bißchen verträumt, ein bißchen zu langsam, ein bißchen abgehängt ist und irgend jemand, vielleicht sogar ihr selbst, möchte ihm immer wieder zeigen, wo die Ellenbogen sind und wie man lange Schritte macht, das ist völlig unnötig. Dieses Kind braucht jemanden, der es an die Hand nimmt, ihm ins Gesicht lacht und sagt: Ich mag dich. Mehr ist nicht zu tun.

13 Gedanken zu „Neujahrs-Selfie

  1. Ein sehr schöner Text und er hat mich an eines meiner liebsten Zitate erinnert von Henry David Thoreau:

    „If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.“

    Schicke Dir ganz liebe Grüße und freue mich schon jetzt wie Bolle auf ein nächstes Treffen mit vielen langen Gesprächen und langsamen Spaziergängen und natürlich ein langer Besuch im Buchladen ;)

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  2. Pingback: Woanders ist es auch schön | READ ON MY DEAR, READ ON.

  3. Eine schöne Geschichte.
    Ich, die ich immer zu schnell bin, und so, ohne dass ich es will, Menschen abhänge, muss mir das immer wieder klar machen, dass jeder seine eigene Geschwindigkeit hat. Bei Kinder ist das besonders wichtig ihnen Zeit für alles zu lassen, auch Zeit, ihren eigenen Lebenstakt zu finden.
    Kennen Sie das Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny?

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    • Vielen Dank! Ich kenne das Buch von Nadolny schon seit Ewigkeiten, habe es aber komischerweise nie geschafft zu lesen. Nicht, weil ich zu langsam bin ;) , sondern weil sich immer andere Bücher vorgedrängelt haben.
      Ich kann auch die Menschen gut verstehen, die mit hoher Geschwindigkeit durchs Leben ziehen und sich manchmal ausgebremst oder genervt fühlen. Gut oder schlecht ist weder das eine noch das andere. Ein hohes Tempo ist nur gesellschaftlich irgendwie mehr anerkannt.

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      • Nicht immer ist das so. Man macht sich verdächtig, wenn man schnell ist. Das kann doch nicht gründlich sein. Doch, ist es. Es wird einem unterstellt, dass man andere wegdrängen oder dumm dastehen lassen will. Nein, will man nicht. In Teams habe ich immer Schwierigkeiten, außer ich sitze da, halte den Mund und langweile mich unsäglich.
        Das Buch ist toll! Ich empfehle es Eltern mit langsamen Kindern, damit sie verstehen, was in den Köpfen der Kinder so vorgeht.

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      • Es wäre schön, man könnte mal tauschen. Für einen Tag oder eine Woche. Einfach mal die Welt mit den Augen desjenigen sehen, der scheinbar so anders ist als man selbst. Mein goßes Kind ist sehr fix unterwegs und irgendwann sagte mal jemand zu mir, wir könnten doch gut voneinander lernen. So in etwa. Es war schöner formuliert, aber das ist die Essenz. Es so zu sehen, kann in manchen Situationen helfen. Und tut es auch.
        Das Buch werde ich auf alle Fälle noch lesen. :)

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  4. Langsam zu sein ist eine unglaubliche Fähigkeit. Meist fühlt es sich so an, als sei es ein Defizit, hinter anderen herzulaufen. Aber Achtung! Es geht auch hier nicht um Vergleiche oder die Frage, was besser oder schlechter ist. Sich gelegentlich aus dem eigenen Tempo zu entkoppeln hilft, andere Perspektiven einzunehmen. Aber eben nur, um zu verstehen. Für das eigene Leben bleibt das eigene Tempo die wichtigste Richtschnur.

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      • Eine andere zu sein, als Du gerade bist? Oder anders als andere? Das interessiert mich deshalb, weil – ich bin selber langsam. Nicht im Alltag, mehr so in meiner generellen, na, sagen wir „Entfaltung“. Ich wusste lange nicht, welchen Beruf ich wählen soll, oder was ich überhaupt kann. Ich habe lange nicht gemerkt, dass ich eher so eine Einzelgängerin bin, und habe vergeblich versucht, eine Familie zu gründen. Ich bin spät angekommen in meinem – punktuellen – Anderssein und dort, mich endlich so und nicht anders zu akzeptieren. Andererseits bin ich an der Oberfläche durchaus gerne wie andere. Ich mag es nicht, durch meine Person Abläufe zu stören oder überhaupt, aufzufallen. Nicht, weil ich eine graue Maus sein will. Sondern weil ich es immer wieder interessant finde, aus meinem Fahrwasser rauszukommen. Entschuldige, ich schreibe das so ausführlich, um mich verständlich zu machen. Wie geschrieben, mich interessiert dieser Wunsch nach dem anderen.

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      • Ich glaube, ich kann dich ganz gut verstehen. Ganz besonders der Satz „Ich mag es nicht, durch meine Person Abläufe zu stören oder überhaupt, aufzufallen.“ ist für mich zutreffend, obwohl auch ich mittlerweile ein gutes Gespür für meine eigenen Wege entwickelt habe und sie als meine Stärke interpretieren kann (was ein langer Prozeß war). Trotzdem habe ich ab und zu den Wunsch, nicht diejenige zu sein, an die ich mich über die Jahre gewöhnt habe. Wenn man sich gerade in jungen Jahren so oft fragen muß, warum macht mir das keinen Spaß, wieso bin ich diejenige, die immer alles in Frage stellen muss, die lieber den Abend allein im Auto verbringt, statt sich durch bescheuerte Discos zu quälen und den Frust im Alkohol zu ertränken, fühlt man sich mit der eigenen Person nicht wohl. Die Langsamkeit ist ja nur ein Aspekt, wenn auch ein herausragender.
        Ich denke, wir hätten uns einiges zu erzählen. :)

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