Das Smiley schlägt zurück

 

 

 

 

 

 

Ich habe es verabscheut. Vom ersten Augenblick an. Kaum kam ich mit noch halb geschlossenen Augen aus dem Dunkel der 80er gestolpert, leuchtete es mir mit seinem grellen Gelb mitten ins Gesicht, begleitet von schrillen Pfeifentönen und allerlei neonfarbenem Blendwerk. I was not amused. Es mauserte sich zum Sinnbild einer infantilen, lustbetonten Massenbewegung. Ein Entkommen gab es nicht. Das Smiley war allgegenwärtig. T-Shirts, Hosen, Jacken, Taschen, Federmäppchen, Kopfbedeckungen, Tragetaschen, Stifte, Ohrringe undsoweiterundsofort. Es hatte ein langes Leben. Selbst als der Hype sich schlafen gelegt hatte, drehten seine Merchandisingprodukte ihre third- und fourthhand-Runden. Irgendwann war der Spuk vorbei oder meine Aufmerksamkeit von anderen Dingen in Beschlag genommen.

Dann begann mein digitales Leben. Und plötzlich war es wieder da. Verkleidet als Klammeraufstrichdoppelpunkt schlich es auf leisen Sohlen zurück in meine Welt. Für eine Weile gelang es mir, die Augen davor zu verschließen. Okay, ab und zu habe ich mal geblinzelt. Nur ganz leicht. Immerhin, ich war noch am Tippen, während um mich herum schon fleißig gewischt wurde.

Und dann?

Ich aß von Adams Apfel. Was sonst. Social Media und der ganze Kram. Das anfängliche, schuldbewußte Zögern nach dem Sündenfall war schnell vergessen. Wie damals beim Bäcker, als das komplette Taschengeld für Kuchen sterben mußte. Heute benutze ich das Smiley inflationär. Ich schmeiße um mich mit diesem nichtssagend nett grinsenden, gelben Mond. Ein grinsendes, nettes Mondgesicht. Klingt wie Annett. So ist mein Name. Was soll ich machen? Ich kann nichts dafür. Nett zu sein wurde mir in die Wiege gelegt. Buchstäblich. Es fühlt sich oft infantil an. Ich fühle mich oft infantil, wenn ich das Smiley benutze. Aber man gewöhnt sich daran. Mittlerweile scheint es mir fast unhöflich, meinem digitalen Gegenüber einen nackten Satz anzubieten. Gleichzeitig hege ich die Befürchtung, man könnte mich aufgrund der gelben Mondgesichter unterschätzen. Nettigkeit wird gern mit Einfalt assoziiert. Sehr viel wohler fühle ich mich mit den nicht in Grafiken übersetzten Emoticons. Sie lassen Spielraum für eine etwas subtilere Auslegung meiner charakterlichen Dispositionen. So denke ich. Es sei denn, diese Zeichen werden automatisch, z.B. in Blogkommentaren, zu debilen Gelbgesichtern umgewandelt. That’s it. Ich bin ein einfältiges Grinsebäckchen.

Ich kann damit leben, wenn andere keine Smileys benutzen. Ehrlich gesagt, bewundere ich sie ein wenig dafür. Ich aber will geliebt werden. Ich möchte keine Missverständnisse. Ich strebe Harmonie an, um jeden Preis. Dafür opfere ich mein subkulturell hart erkämpftes Selbstverständnis. Ich benutze Smileys. Noch einmal: Ich benutze Smileys.

… Pause …

Nur manchmal wünsche ich mir ein digitales Tourette-Syndrom. Dann könnte ich ab und zu scheiße und ficken dazwischenrufen, wenn mich die Instagram-Schönwetterwelten allzu sehr langweilen und mein Hirn sich anschickt, in den Komamodus zu schalten.

2 Gedanken zu „Das Smiley schlägt zurück

  1. Ein digitales Tourette-Syndrom. Schön. Ich habe bisher nur das Technik-Tourette-Syndrom: Ich beschimpfe wahlweise meinen PC oder mein Handy. Wüst. Wenn sie nicht tun, was ich will. Aus der IT höre ich dann immer den Satz: „Ham‘ Se Ihren Rechner schon mal runtergefahren?“ Dann bahnt sich ein nächstes Tourette-Syndrom an, das ich aber noch im Griff habe.

    Smileys: Irgendwie mag ich Symbolsprache. ;)

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    • Vielleicht möchte uns die Technik einfach Entlastung gönnen. Fühlt sich an wie Stress, ist aber eigentlich eine Verschnaufpause. Ohne Störungen wäre die Effektivität ja kaum auszuhalten. … Ich habe es natürlich auch sehr gern, wenn die Dinge laufen, wie sie sollen. ;)
      Danke und liebe Grüße!!

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