Ich-Zeit

 

Einsamkeit. Zweisamkeit. Zwei Worte, einander so ähnlich, doch so oft in Unversöhnlichkeit interpretiert. Das unterscheidende Element so klein, dass es kleiner kaum geht. Eins. Eins kommt hinzu und plötzlich ändert sich eine ganze Welt. Zweisamkeit bedeutet Wärme, Licht, Geborgenheit. In diesem Sinne wird es verwendet. Obwohl man weiß, es könnte auch anders sein. Nicht jede Zweisamkeit lädt ein zum Fallenlassen. Und nicht jede Einsamkeit hat es verdient, betrauert zu werden. Einsamkeit, befreit von ihrer Last als Zumutung und Unausweichlichkeit, kann all das auch: Wärme, Licht; Geborgenheit.

So geschehen auf meiner kleinen Reise nach München Ende November. Ein schöner, erfüllter Tag in wunderbarer Gesellschaft endet mit mir allein und einer Lokal-Empfehlung, für die ich immer noch sehr dankbar bin. Ein kurzes Zögern, bevor ich die Tür zum Gastraum aufstoße, ein ängstlicher Blick, ob ein Platz für mich noch frei ist. Der Tisch, den ich finde, ist zu groß für einen allein. Ich teile ihn später mit einer Familie, die sich freut nach drei überfüllten Lokalen endlich eines gefunden zu haben, in dem sie sich niederlassen kann.

Als ein kleiner Tisch frei wird, wechsel ich meinen Platz und fühle mich rundum wohl. Vor den Fenstern ist es mittlerweile dunkel geworden. Ich bestelle Kaffee und studiere die Abendkarte. Für ein Abendessen ist es noch zu früh, aber ich bin mir sicher, daß ich hier bleiben werde. Zeitungen hängen an Haken an der Wand, Zeitschriften liegen in den Fenstern aus. Ich habe keine Eile. Es geht mir gut mit mir selbst. Die Bedienung wechselt in Person und Charakter von etwas gestreßt zu aufmerksam, aber unaufdringlich. Ich bestelle Kürbis-Risotto. Im akustischen Rauschen erkenne ich The Notwist und plötzlich kann ich mein Glück kaum fassen. Alles ist gut. Alles paßt zusammen. Selbst ich füge mich ein in dieses kleine Universum ohne mich auch nur einmal eckig zu fühlen, wenn alles andere rund zu sein scheint. Die Zeitschrift ist noch nicht zu Ende gelesen, die kleine Familie vor mir erregt noch immer meine Neugier, ich bestelle mir einen Tee. Gäste verlassen das Lokal, neue kommen hinzu. Und als ich weiß, daß es Zeit ist zu gehen, bitte ich um die Rechnung.

Draußen ist es mild für diese Jahreszeit und diese Stunde. Die Lichter am Haus und in den Bäumen erzeugen eine einladende Atmosphäre. Fast zieht es mich wieder hinein. Ich beschließe, am nächsten Tag wiederzukommen. Jedoch ich kann es nicht. Mich beschleicht das Gefühl, dieser Abend ist unwiederholbar. Ich habe Angst, etwas zu zerstören bei einem erneuten Besuch. Eine Erinnerung, so perfekt und schön wie eine tanzende Schneeflocke. Der nächste Tag ist ein anderer, der nächste Abend auch und er bekommt den ihm gebührenden Rahmen. So ist es gut.

fensterln

 

Danke, liebe Sabine, liebe Stephanie und liebe Daniela für die schönen Momente, die ich nicht allein verbracht habe. Angst vor Unwiederholbarkeit habe ich bei diesen nicht. :)

4 Gedanken zu „Ich-Zeit

  1. Einfach mal alles so lassen, wie es ist. Das geht unglaublich gut, wenn ich alleine unterwegs bin. Ich muss mich für nichts verantwortlich fühlen, ich kann schauen, still sein. Und wenn ich will, kann ich auch mal auf unbekannte Menschen zugehen. Alleinsein ist für mich Für-Mich-Sein. Natürlich kenne ich auch Einsamkeiten. Aber selbst die sind groß. Zumindest nie totgeschlagene Zeit…

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    • Ich genieße es mittlerweile sehr, meine eigene Gesellschaft nicht als Abwesenheit von etwas anderem zu empfinden, als Mangel. Das mußte ich lernen, zumindest für das Alleinsein in der Öffentlichkeit, denn das Bedürfnis danach gab es schon immer. Vielen Dank für Deine Zeilen, über die ich mich sehr gefreut habe. Ich mag Deine Alltagsglanzstücke so gern. Liebe Grüße, Annett

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