Von den Tücken des Subjekts

 

Vor zwei Tagen mußte ich meinen Flash-Player neu installieren. Aus Sicherheitsgründen. Man kennt das ja. Zu diesem Vorgang gehört es, daß der Browser neu gestartet werden muß. Das ist für sich genommen kein Problem. Schwierig wird es erst, wenn man einen Hang zu offenen Fenstern hat. Ich habe ihn. Den Hang. Und ich pflege ihn sehr liebevoll, obwohl oder gerade weil er hier im Hause auf erhebliches Unverständnis stößt. Ich weiß, wie man Lesezeichen setzt. Ich beherrsche diese Technik sehr gut. Die offenen Fenster jedoch erlauben mir ein sogenanntes Im-Hinterkopf-behalten aka Auf-dem-Schirm-haben (im wahrsten Sinne). Es ist nicht vergleichbar damit, zu wissen, wo man etwas suchen kann, wenn man eine Ahnung davon hat, was man sucht. Lesezeichen setze ich für Dinge, denen ich mir gewiß bin. Ich komme zurück, immer wieder, weil ich weiß, daß sie da sind. Offene Fenster sind blubbernde Gedankengrütze. Ich habe mich noch nicht entschieden, was ich davon behalten möchte oder was getrost abgelegt werden kann. Ich horte zudem angefangene youtube-Vorträge, angelesene Blogartikel, Rezepte mit Dringlichkeitsstatus, sentimentale musikalische Flashbacks, Thematiken, für die die Zeit noch nicht reif ist, aktuelle Bücherrezensionen, Recherchen zu in Vorbereitung befindlichen Blogartikeln, Öffnungszeiten von Arztpraxen, mit denen ich einen Termin vereinbaren sollte und noch einiges mehr.

Vor zwei Tagen, ich erwähnte es bereits, ist mir ein Fehler unterlaufen, der mich auf einen Schlag all meine offenen Fenster gekostet hat. Aus Ungeduld startete ich den Browser zu schnell, der Rechner kam ins Stottern, verweigerte sich beim wiederholten Neustarten und ich bemerkte zu spät, daß ich eine Runde Schließenneustarten zu viel gedreht hatte. Die Option vorherige Sitzung wiederherstellen zeigte mir ein leeres Fenster. Ich hauchte meinen ehemals offenen Fenstern ein wehmütig verzweifeltes Good bye hinterher und freute mich auch ein wenig über die wiedergewonnene Surf-Geschwindigkeit. Uhh … Wind im Haar. Mag ich. Nach einer kurzen emotionalen Irritation, schwankend zwischen Reue und gegen mich selbst gerichteter Schadenfreude, gelangte ich zu neuer Stabilität. Irgendwie war ich begeistert von der Erkenntnis, daß auch eine perfekte digitale Arbeitsumgebung meinen analogen Chaosgenen nichts entgegenzusetzen weiß. Ich lebe nicht in einer digitalen Parallelwelt. Mein analoges und mein digitales Dasein funktionieren in einer wunderbaren Weise parallel. Ich habe nützliche Zettel in der ganzen Wohnung verteilt. Manchmal steht schwelendes Gedankengut, oft wenige Worte, während einer plötzlichen Eingebung hastig notiert, gleichberechtigt neben Milch und Toilettenpapier. Es finden sich Haufen von Zetteln in halbherzig angefangenen oder noch unberührten Notizbüchern. Bücher, die gelesen werden wollen, lege ich an strategisch wichtigen Stellen ab, damit sie von Zeit zu Zeit ins Auge fallen können. Einen gewissen Grad an Organisiertheit kann ich hier durchaus erkennen.

Und dann gibt es noch diesen großen Tisch für vier Personen, dessen halbe Fläche sich drei davon teilen müssen, weil die vierte Person auf dem Restgelände etwas im Hinterkopf behalten möchte. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Eigentlich stehe ich auf Minimalismus.

10 Gedanken zu „Von den Tücken des Subjekts

  1. …or when you go swimming with the phone……
    Unsuccessfully.
    Arghhhhh!
    Yes the crossover to immersing oneself in a digital world is fraught .
    The losses.
    Does it make everything more transient ?

    Is it a better place?

    Here reading your random thoughts a digital privilege .
    The prospect of Trump as a world leader a digital consequence.
    Arghhhhh!!!!!

    Gefällt 1 Person

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