Besichtigung eines Kuriosums

 

Ich habe beinahe 17 Jahre meines Lebens in einem sozialistischen Land verbracht. Es waren prägende Jahre, weil diese 17 Jahre es in jedem Leben sind. Die Kindheit und der Abschied von dieser, die ersten zaghaften oder auch ungestümen Gehversuche in einem Körper, der ganz neu und unvertraut scheint, der noch kein Zuhause ist. Das Chaos im Kopf an einer Wende im Leben, die nur zum Teil vorauszusehen war. Die Tatsache, daß ich diese ersten Jahre in einem politischen System lebte, das sich von meiner heutigen Lebenswelt grundlegend unterscheidet, beeinflusst mein Denken bis heute. Manchmal mehr als mir bewußt ist, manchmal weniger als ich glaube. Ich profitiere immer wieder von Situationen, die mir mein eigenes Schubladendenken vor Augen führen und bin deshalb immer wieder erstaunt, wie unreflektiert das Denken einiger Menschen in schwarzweiß über Jahre fortlebt und sich manifestiert.

Die Zeit im Osten ist mir vor etwa zwei Jahren zum ersten Mal in einem Gespräch begegnet. Ich schnappte die Worte beim Zuhören auf und speicherte sie mit einem Fragezeichen ab. Erst einmal aufmerksam geworden, fiel es mir nun auch am Zeitungsstand auf: Ein schmales rotes Schmuckbanner unter den Lettern DIE ZEIT mit der Aufschrift Mit 3 Seiten ZEIT im Osten. Am rechten Seitenrand der Titelseite befand sich zusätzlich ein Bildkästchen mit dem ebenfalls in einem roten Rechteck gehaltenen Schriftzug ZEIT im Osten. Darunter eine kurze thematische Schlagzeile.

Ich bin keine engagierte Zeitungsleserin, lese ab und zu im Café Publikationen wie Die Zeit oder gönne mir in unregelmäßigen Abständen eine Stunde in der Bibliothek, um interessante Artikel nachzulesen. Sehr selten kaufe ich mir einzelne Ausgaben. Die ZEIT im Osten war unbemerkt an mir vorübergegangen. Wir bewegten uns auf das 25-jährige Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung zu und ich hatte ein noch nicht in Worte zu fassendes unangenehmes Gefühl beim Lesen dieser Überschrift.

Eine kurze Recherche im Internet brachte mehr Licht in das Halbdunkel dieser merkwürdigen Begegnung. Auf der Internetpräsenz der Zeit selbst fand ich Informationen zum Format Die ZEIT im Osten. Ursprünglich als Regionalteil für Sachsen mit eigener Redaktion ins Leben gerufen, wurden ab September 2013 die drei Seiten extra für die neuen Bundesländer produziert und auch ausschließlich dort der jeweiligen aktuellen Ausgabe der ZEIT hinzugefügt. Auf den Seiten der ZEIT im Internet nennt sich das dann „Die ZEIT weitet ihr Engagement in Ostdeutschland aus …“.

Ich war verwirrt. Fragen entstanden, die ich als rethorische definieren mußte, denn die Antworten hatten sich bereits als körperliches Symptom manifestiert. Irgendwo auf der Strecke zwischen Hirn und Magen. Warum will eine Wochenzeitung im Umfang von über 80 Seiten mit 3 Seiten Leser anlocken, die sich demnach durch die restlichen zig Seiten noch nicht überzeugen ließen? Was ist der Osten? So etwas wie der Wilde Westen? Eine Himmelsrichtung? Bis wohin reicht der Osten? Wo fängt er an? Auf einer Landkarte oder im Kopf? Je mehr Fragen ich ausformulieren konnte, um so schwieriger wurde es. Ich fand mich nicht wieder in diesem Format und wollte es auch gar nicht. Weder als Bürgerin dieser Bundesrepublik, in der ich damals bereits seit fast 25 Jahren lebte noch als ehemalige Bürgerin eines Landes der „Ostzone“. Mein Alltagsleben in einer Stadt, die sich in den neuen Bundesländern befindet, war weit entfernt von der Reduktion auf 3 Seiten Ostbezug, der in manchen Fällen so konstruiert wirkt, als hätte die Redaktion selbst Schwierigkeiten, auf diesem schmalen Grat die Balance zu halten.

Die 3 Seiten Zeit im Osten unterschieden sich für mich bis auf ein paar merkwürdige Ausnahmen in ihrer Relevanz nicht von den restlichen Seiten. Genausowenig verstand ich, warum diese 3 Seiten nur einen bestimmten, räumlich begrenzten, Teil dieses Landes interessieren sollten. Was war mit den anderen Lesern? Ich beschloß, hier im Blog über meine Begegnung zu schreiben. Aber konnte ich das allein aufgrund eines unangenehmen Gefühls? Mußte ich nicht mehr wissen, mehr lesen, differenzierter darüber nachdenken? Ich schob das Thema vor mir her, legte es beiseite, holte es ab und zu hervor, um es noch einmal von allen Seiten zu betrachten. Der Zeitpunkt für eine Veröffentlichung schien immer wieder ungünstig. Ich hatte Bedenken, mißverstanden zu werden.

Irgendwann fiel mir auf, daß es völlig egal war, wieviele Seiten Zeit im Osten ich gelesen hatte und ob ich aufgrund der Lektüre eine Themenanalyse erstellen könnte. Allein die Tatsache, daß in einer großen deutschen Wochenzeitung mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ein Format entwickelt wurde, in dem die „neue“ Leserschaft lieber fein säuberlich separiert wird statt integriert, ist kritikwürdig. Es stellt sich nicht zusätzlich die Frage, ob die Themen passen oder nicht. Mit dieser Frage im Kopf tappe ich letztendlich in die gleiche Falle.

Es ist mir einerlei, ob man die Zeit im Osten Engagement nennt, ob man Gutes tun wollte oder einfach mal den kleinen Kindern am Katzentisch über den Kopf streichen. Ich fühle mich nicht wohl mit diesem Format und kann trotzdem nicht ignorieren, daß es mich meint. An meinem Zeitungsstand leuchtet mir das rote Band entgegen, nicht an dem in Hamburg, nicht an dem in München, nicht an dem in Stuttgart usw. Die Tatsache, daß ich in den Jahren unmittelbar nach der Wende kein einziges Konzert, das ich besuchte, in einer überregionalen Musikzeitschrift finden konnte, obwohl die Termine der Bands in den alten Bundesländern vollständig aufgelistet waren, kann ich ansatzweise noch nachvollziehen. An guten Tagen, mit ausgeglichenem Gemüt. Aber nach einem Vierteljahrhundert im geeinten Deutschland, in dem bereits Menschen Familien gründen, für die das geteilte Land längst (eine) Geschichte ist, möchte ich keine roten Schmuckbänder sehen, die davon künden, daß das Denken in diesem Land sich in den Schranken von zwei Himmelsrichtungen bewegt.

4 Gedanken zu „Besichtigung eines Kuriosums

  1. Das ist ein bedenkenswerter Artikel. Ich gebe Dir vollkommen recht: Im Grunde müsste es kein „ausgeweitetes Engagement“ im Osten geben, keine extra-Zeit im Osten, sondern das alles selbstverständlich „eines“ sein. Dein Artikel zeigt mir aus Deiner Perspektive wie weit wir da im Denken noch weg sind. Ja, mir als Bayerin geht es eigentlich so, dass ich über diese „Separierungen“, die tatsächlich noch geschehen, gar nicht nachdenke bzw. allenfalls im negativen Sinne drauf gestoßen werde: Länderfinanzausgleich, etc., immer mit der Konnotation „der arme Osten“. Wann fällt die Grenze in den Köpfen endlich? ich vermute, das wird noch Generationen dauern…

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    • Vielen Dank für Deinen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe. Mir geht es auch oft so, daß Dinge außerhalb meiner Wahrnehmung liegen und ich zufällig darauf stoße oder lange Zeit gar nicht. Ein Perspektivenwechsel ist für mich immer reizvoll und gern bin ich auch diejenige, die eine andere Perspektive anbietet. Das geht nicht immer auf, aber den Versuch ist es wert. :)
      Liebe Grüße, Annett

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      • Das Aufzeigen einer anderen Perspektiven hat mit Deinem Beitrag wunderbar geklappt – und mir gezeigt, wie jeder doch, je nachdem von wo er kommt, in seiner Sichtweise bleibt, wenn man die andere Seite nicht hört und nicht sieht. Ohne deinen Text hätte ich z.B. den Satz, dass die Zeit ihr Engagement in Ostdeutschland verstärken will, gar nicht als „trennend“ wahrgenommen. Also nochmals: Danke! LG Birgit

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