Das musikalische Fotoalbum #9

 

 

 

 

 

 

Natalie Merchant, My Skin

Vor ein paar Jahren. Es war Sommer. Oder auch nicht. Ich sitze in der Küche beim Frühstück. Im Hintergrund die Stimmen aus dem Radio. Wie jeden Morgen. Ein Sender mit Musik, die gut dosiert ist. Keiner, der mich zwingt, schon am Morgen die Mundwinkel an den Ohren zu verankern. Plötzlich eine Stimme, tief und warm, die mich mitten ins Herz trifft. In den Bauch. Eine Stimme, die den Brustkorb ganz eng werden läßt. Ich kenne diese Stimme. Ich kenne sie gut. Wie eine Freundin aus längst vergangenen Tagen, die man lange, zu lange, nicht gesehen hat. Ich bin ganz still. Beinahe bewegungslos. Ich sitze nicht mehr am Tisch. Weiß nicht, wo ich sonst bin. Ich habe keinen Ort für dieses Lied. Nur die Ahnung eines Gefühls. Der Morgen verliert seine Unschuld. Später finden sich Worte in meinem Kopf. Immer mehr. Sie fügen sich zu kurzen Sätzen, zu winzigen Zeilen eines Gedichtes. Die Hände im Abwasch versuche ich sie festzuhalten, mitzuziehen im wachsenden Tag, damit sie mir nicht verlorengehen, damit ich sie notieren kann. Gleich oder später. Ich notiere sie nicht. Nicht gleich und auch nicht später. Im Fortgang der Stunden entgleiten sie mir. Wie die Perlen einer gerissenen Kette verliere ich Wort für Wort. Am Ende des Tages halte ich die nackte Schnur in der Hand. Die Worte kehren nicht zurück. Ein Verlust, der mich bis heute schmerzt.

 

3 Gedanken zu „Das musikalische Fotoalbum #9

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