Geschichten wie Sand am Meer

Wellen

 

Es ist schon einige Zeit her, daß ich vom Meer wiederkam. Etwas unbefriedigt, weil die Tage zu schnell zu Ende gezählt waren und das Wetter es nicht zuließ, mir einen Sommervorrat für die kalten Tage zuzulegen. Ich bin kein Freund von Zweckoptimismus. Wenn ich traurig bin, weil das Wetter kein Sommergefühl aufkommen läßt, möchte ich mich nicht mit Sätzen trösten wie: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung.“ Ich möchte mir und meinen Mitmenschen diese Enttäuschung zumuten, weil alles andere unehrlich wäre. Trotzdem kann ich mich an den schönen Momenten erfreuen, die unabhängig sind vom Wetter. Der Strand ist nicht nur bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen ein guter Ort. Dort kann man eigentlich jederzeit die Seele fliegen lassen. Mit einem kleinen Schiff durch eine regenreiche Schlechtwetterfront unterwegs zu sein, gehört zu den Erlebnissen, die nicht im Schöne-Tage-Einheitsbrei verloren gehen können. Ich hatte eine wunderbare Zeit am Meer. Und doch habe ich den Sommer vermißt. So, wie er sein kann, wenn zwei leichte Kleider und eine Strickjacke ausreichend sind für einen ganzen Urlaub.

Vorhang

 

 

Vieles habe ich mitgebracht, was in keine Tasche passt. Bilder, die ich gern festgehalten hätte. Geschichten, die mir zugefallen sind, vor allem am Strand. Geschichten, die angerissen bleiben. Für immer. Geschichten, die aus einem flüchtigen Eindruck entstehen. Sie könnten so sein und doch auch ganz anders. Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen. Der Drang, den Menschen ihre Geheimnisse abzuringen, ist groß. Und doch bleibt es der Moment, der mich am meisten fasziniert, daß dies nicht gelingt. Da war die Großfamilie, viele Menschen, die am Meer zusammen ein paar Tage verbrachten. Ich habe bis zum Schluß nicht erkennen können, wie die verwandtschaftlichen Verhältnisse waren. Sie hatten viel Spaß, waren zum Teil sehr verschieden. Gern hätte ich mehr erfahren. Ein älteres Ehepaar, ein paar Meter weiter, mit einem jungen Paar und Kind. Ihr Kommen und Gehen während eines Tages am Strand machte neugierig. Dann der Vater mit seinem Sohn im Grundschulalter. Der Junge schien Diabetes zu haben. Zwischendurch wurde der Blutzuckerwert überprüft. Der Vater hatte noch eine alte Dame dabei, die Hilfe beim Laufen brauchte. Trotz dieser erschwerten Bedingungen machte er einen sehr ausgeglichenen, liebevollen Eindruck. Die Geschwister im Teenageralter, großer Bruder, kleine Schwester, denen es an jeglicher Empathie gegenüber ihren schon sehr betagten Großeltern mangelte. Es waren so viele Gesichter mehr. Manche hat mein Blick bloß gestreift, an anderen hielt mich irgendetwas fest. Und dann entstehen die Geschichten mitunter von selbst, wenn man ins Gespräch kommt, wie mit der alten Dame aus Celle im Strandkorb nebenan, die mit ihrem verstorbenen Mann schon die gesamte deutsche Küste von West nach Ost bereist hat. Es gibt Menschen, bei denen dringt man weiter vor als bei anderen. Aber es bleibt eine flüchtige Begegnung. Mitunter schwingt Wehmut mit, wenn man jemanden verlassen muß, den man nicht wiedersieht und von dem man gern mehr erfahren hätte. Ich mag diese leisen Berührungen, die zu nichts verpflichten und trotzdem eine eigenwillige Verbundenheit erzeugen.

 

Was mir noch gefiel:

  • die Ruhe im Lieper Winkel und der weite Blick über das Land
  • Störche direkt am Straßenrand
  • die Eule, die eines Nachts, gestört vom Licht unseres Autos, von der Mitte der Straße aufflog
  • neue Ecken im Altbekannten zu entdecken
  • der Himmel bei verschiedenen Wetterlagen
  • der wunderbare Tag mit Indre, deren Blog ich so gern lese; zu sehen, wie schnell Kinder sich in ihrem Kindsein wiedererkennen und einfach loslegen
  • die Prozession der Tagesausflügler auf der Seebrücke zu beobachten, nachdem die großen Schiffe sie ausgespuckt hatten, dazu das dumpfe Geräusch der Schiffsmotoren im Ohr, mein Filmauge fühlt sich an Berlin. Symphonie einer Großstadt erinnert
  • der perfekte Abend am Rankwitzer Hafen
  • das warme Gefühl im Bauch bei den Erinnerungen an die Jahre zuvor
  • der Gedanke, daß dieser Urlaub auf ewig mit dem Weihnachtsfest von Petterson und Findus (!) verbunden sein wird; wir haben es gefühlte einhundert Mal gehört

 

7 Gedanken zu „Geschichten wie Sand am Meer

  1. Good to see writing
    Like my sketches
    Pictures of our holiday life
    Interesting the notion of holiday life
    Would I want to be on holiday all the time?
    No
    I suppose it’s the mirror that it can cast on our everyday life
    That makes it so valuable

    Gefällt 1 Person

  2. Ich mag Deine Stimmungs- und Momenteschreibungen vom Meer sehr! Ich erlebe das ähnlich und versuche auch die wunderbaren Sommertage am Meer zu „sammeln“. Die leichten warmen Sonnentage sind das Eine, aber oft werden gerade die etwas anderen Tage zu bleibenden Erinnerungen. Dieses Jahr fand ich auf meiner Insel erst nicht richtig hinein in die freien unbeschwerte Zeit, der Kopf war noch zu voll. Da kam ein Regentag, es goss aus Kübeln und ich bin stundenlang alleine im Regenumhang, hochgekrempelter Hose und barfuß an der Wasserkante entlang gelaufen…. Es war herrlich, meie Laune wurde immer besser und ich war angekommen in diesem Urlaub! An diesen Tag denke ich jetzt ganz oft. Nichts desto trotz hoffe ich, im September noch ein paar Sommertage am Meer zu sammeln….und Geschichten und Momente!
    Liebe Grüße
    Svenja (hi_liseleje)

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Svenja, danke für diese schöne Rückmeldung. Habe ich sehr gern gelesen und kann es gut verstehen. Inzwischen sind bei mir etliche Sonnentage dazugekommen und ich genieße sie immer noch sehr. Zwar nun nicht mehr am Meer, aber ich bin in Gedanken oft dort. Ich wünsche Dir eine schöne Zeit im September. Ein wunderbarer Urlaubsmonat! Liebe Grüße, Annett

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