Fünfzig Schattierungen von Grün

 

Es liegt nicht in meinem Wesen optimistisch zu sein. Ich wappnete mich in der Vergangenheit gern mit Zynismus gegen die Unbill dieser Welt. Um ehrlich zu sein: Das hilft auf Dauer nicht. Es führt nicht dazu, daß ich mich besser fühle. Vielleicht ein wenig überlegen. Für den ersten Moment. Ich kenne Menschen, die die zynische Färbung ihrer Sprache nicht mehr loswerden. Es sind nicht diejenigen, deren Gesellschaft ich suche. Eine kleine Bereitschaft zum Zynismus werde ich mir trotzdem zurückbehalten. Für den Notfall. Und weil es mitunter auch Spaß macht.

Unsere Tage sind ein Paradies für Zyniker. Je mehr es werden und je lauter sie werden, um so häufiger stelle ich fest, daß ich aus Notwehr zum Optimismus greife. Ich kenne keine Alternative, wenn ich nicht wahnsinnig werden möchte. Das klingt dramatisch. Das ist dramatisch. Ich fühle mich zunehmend ausgeliefert und wehrlos gegen all die schlechten Nachrichten jeden Tag. Es wird nicht dadurch besser, daß ich mir einen Kuchen backe, Kaffe koche und wohlwollend meine private kleine Welt betrachte.

Ich suche Antworten. Ich weiß, daß etwas verdammt schief läuft in der Gesellschaft, die wir bisher als selbstverständlich stabil betrachtet haben. Nicht fehlerlos zwar, aber irgendwie verläßlich. Es gibt tatsächlich immer noch viele Menschen, die die Suche nach lebbaren Alternativen als putziges Accessoire einer naiv veträumten linksliberalen Community betrachten. Das es hierbei aber um sehr viel mehr geht als um das Jonglieren mit politischen Richtungsbestimmungen, zeigt der Film Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen, den ich diese Woche gesehen habe. Die gute Nachricht ist: Es gibt sie, die guten Nachrichten. Sie überfallen uns nicht auf der ersten Seite der großen Tageszeitungen. Auch sonst führen sie medial ein Aschenputteldasein. Ich verstehe es nicht. Die Anzahl der Menschen, die es nach guten Nachrichten dürstet, muß gewaltig sein. Ich betrachte mich nicht als Einzelfall.

Die Dokumentation Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen stellt funktionierende Projekte auf der ganzen Welt vor, in denen Menschen ihre Visionen einer menschenfreundlicheren, gerechteren und lebenserhaltenden Form des Wirtschaftens, Lernens und Zusammenlebens in die Tat umgesetzt haben. Und das ist einfach erstaunlich, bezaubernd, lustig, beeindruckend, voll von positiver Energie und ansteckend optimistisch. Es gibt Alternativen. Und sie funktionieren. Sie können weitergedacht werden. Mit den Menschen, für die Menschen. Stadtentwicklung, Energiegewinnung, Landwirtschaft, Bildung, Finanzwirtschaft, Müllentsorgung, für viele Bereiche gesellschaftlichen Lebens gibt es hoffnungsvolle Beispiele. Selbst wenn meine Begeisterung im Verdacht stehen könnte, naive Züge zu tragen, ich habe noch nicht gehört, daß Zynismus jemals der Antrieb für positive Veränderungen gewesen wäre. Mit der Naivität sieht es da schon anders aus. Sie ist in gewissem Maße Grundvoraussetzung für Projekte, die auf den ersten Blick an ihrer Umsetzbarkeit zweifeln lassen.

Liebe Menschen, schaut diesen Film an. Ich wünsche ihm so viel Publikum wie möglich. Für ihn habe ich eine mir selbst auferlegte Blogregel gebrochen, welche lautet: Niemals aus einem ersten Gefühlsüberschwang heraus Texte veröffentlichen. Optimistisch wie ich bin, werde ich das wohl verkraften können.

 

4 Gedanken zu „Fünfzig Schattierungen von Grün

    • Gerne. Solltest Du ihn Dir anschauen, kannst Du mir gern eine kurze Rückmeldung geben. Das würde mich freuen. Gerade weiß ich auch nicht, wann ich das letzte Mal ohne dieses flaue Gefühl im Magen durch den Tag gegangen bin. Da geht es uns wohl ganz ähnlich. Um so mehr ein Argument für diesen Film. :) Liebe Grüße, Annett

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  1. Mir hat der Film auch sehr gut gefallen. Es tut gut zu wissen, dass es doch viele Menschen gibt, die sich Gedanken um die Zukunft dieses Planeten machen und bereit sind, neue Wege zu gehen. Besonders gut sind mir die Garten- und Landwirtschaftsprojekte in Erinnerung geblieben. Solche Projekte gibt es ja inzwischen auch in einigen deutschen Städten.

    Ich finde auch deine kurze Beschreibung, wie du dich von deiner zynischen Grundhaltung gelöst hast, sehr beeindruckend. Letztlich schleicht sich der Zyniker ebenso aus der Verantwortung wie derjenige, der sich als Perma-Opfer definiert – nur umgibt er sich dabei mit einer Aura der Überlegenheit. Intellektuell kann das schon ein bisschen Spaß machen, da verstehe ich dich gut, aber Wärme erzeugt es eben nicht.

    Vielen Dank für deinen Beitrag und alles Gute auf dem weiteren Weg zum Optimismus (und sei es auch nur aus Notwehr)!
    Elisabeth

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Elisabeth, ich danke dir sehr für deine schöne Rückmeldung. Es freut mich doch, daß auch die älteren Beiträge ab und zu noch gelesen werden. Der Weg zum Optimismus ist lang, wie ich immer wieder merke, aber das ist kein Grund, es gar nicht erst zu versuchen. Die Landwirtschaftsprojekte haben mir auch gut gefallen und ich merke gerade, daß ich den Film irgendwann noch einmal sehen möchte. An die Details kann ich mich schon nicht mehr erinnern.
      Herzliche Grüße, Annett

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