Im Vorbeigehen

 

Die alte Dame letzte Woche auf der Parkbank. Sie saß allein dort, der Rollator neben ihr abgestellt. Ein wenig zusammengesunken, das Gesicht fast ausdruckslos. Vielleicht war sie bedrückt, vielleicht fühlte sie sich einsam. Vielleicht auch nichts von all dem. Der gut besuchte Kinderspielplatz, wenige Meter entfernt, schien nicht der Grund ihres Kommens zu sein. Kein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Mit dem Fahrrad fuhr ich auf sie zu und viel zu schnell an ihr vorbei. Zu schnell, um den Gedanken, ihr ein Lächeln zu schenken, in die Tat umzusetzen. Vorbei. Den ganzen Nachmittag wurde ich das Gefühl nicht los, etwas Wichtiges versäumt zu haben.

In den letzten Wochen haben mich so viele Menschen angelächelt. Fremde auf der Strasse, die ich nicht kannte. Manche einfach so, andere mit der Bitte um eine Auskunft. Nach dem Weg oder nach einem netten Café. Ich war erstaunt, verlegen, erfreut. Ich glaube, ich wirke oft verschlossen, obwohl mir das nicht bewußt ist. Irgendetwas muß anders gewesen sein. Es braucht nicht viel für ein Lächeln, aber es läßt viel zurück. Ein Lächeln ist wie eine stumme Komplizenschaft, von der man nicht weiß, wofür man sie geschlossen hat. Nur, daß es sich lohnt, das weiß man. Ein Lächeln kann etwas verändern. Und wenn es nur die Farbe eines Tages ist.

Gern lächel ich Kinder an. Vor allem in Situationen, die für sie unangenehm sind, in denen sie vielleicht gerade gedemütigt werden. Ich weiß, wie absolut Kinder Aussagen aufnehmen, die über sie getroffen werden. Ein einziger Satz, mal eben unbedacht hingeworfen von einem Erwachsenen, der sich dessen nicht bewußt ist oder, schlimmer noch, in voller Absicht, um zu kränken, kann ein Kind für Jahre seines Lebens fesseln. Jeder kennt solche Sätze. Jeder hat sie schon einmal gehört. Ich mag den Gedanken, dass ein Lächeln von mir solche Sätze entkräftet. Ich mag den Gedanken, dass ein Kind sich einzig und auserwählt fühlt, weil es von jemand fremden angelächelt wird. Es ist meine persönliche Allmachtsphantasie. Ich mache es den Kindern nach. Sie sind die einzigen, denen ich so etwas zugestehe. Sie fühlen sich für so vieles allein verantwortlich, was schief läuft. Und sie glauben so unbeirrbar an Wunderkräfte. Warum sollte mein Lächeln nicht dafür verantwortlich sein können, ihnen Mut zu machen.

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