Laut und leise (1)

Manø_02

 

 

 

 

 

 

Die Stille ist ein hohes Gut. Man merkt es oft erst, wenn sie fehlt. Ist sie dann plötzlich da, erkennt man, wie sehr man sie vermißt hat. Manchmal kann sie sogar laut sein. Zum Beispiel in Form von Schweigen. Dann, wenn Dinge gesagt werden müssen, aber nicht gesagt werden können.

Einen eindrucksvollen Schlüsselmoment der Stille hatte ich vor Jahren im Wattenmeer vor der dänischen Nordseeküste. Die kleine Insel Mandø war für einige Tage mein Zuhause. Ein altes, hinter einer Düne Deckung suchendes Häuschen, ein paar vom Wind gebeugte und zerzauste Bäume und gleich daneben der Weg zum Ufer, wo entweder das Wasser oder sein verlassenes Bett auf mich warteten.

Ich war nicht allein hier, aber ich brauchte viel Zeit nur für mich. Meine Welt war auseinandergefallen und die Tage am Meer fühlten sich ein wenig an wie im Auge des Orkans. Ich suchte Gelegenheiten zum Innehalten, zum Schweigen, zum Gedanken-sezieren und war doch froh, nicht allein zu sein. Das klingt nach einem Widerspruch, war und ist aber genauso wenig einer wie der zwischen laut und leise. Ich glaube, das Laute und das Leise brauchen einander, um das Gleichgewicht zu halten.

Es war ein sonniger, fast windstiller Tag als ich nach dem Frühstück den Pfad zum Ufer wählte und ins Watt hinauslief. Das Wasser hatte sich zurückgezogen. Tabula rasa. Ich durfte meine Spuren in den jungfräulichen Meeresboden drücken und ließ mich überwältigen von meiner Faszination an der Stille dieses Ortes. Ich stand mitten im Meer und war mir nicht sicher, ob ich schon jemals im Leben so etwas Wundervolles erlebt hatte. In Gedanken versunken nahm ich plötzlich ein Geräusch wahr, das sich in seiner Intensität zu steigern begann und sich zum ohrenbetäubenden Lärm auswuchs. Ich war völlig irritiert. Was konnte das sein? Wo kam es her? Im nächsten Moment war es direkt über mir und mit ein wenig Verzögerung kam die Erkenntnis. Ein Schwarm Vögel war am Himmel vorbeigezogen. Der Flügelschlag eine Flut von Tönen. In der Abwesenheit jeglichen zivilisatorischen Lärms begriff ich, dass mein Verständnis von laut und leise überdacht werden muss.

Ich habe Fotos gemacht dort im Watt. Meine Spuren im schlammigen Boden. Die Weite des Blickes. Das kleine Haus, versteckt hinter der Düne. All diese Dinge, die man sichern möchte vor dem Verblassen und Entschwinden. Der ewige kleine Selbstbetrug. Und in einem dieser Bilder habe ich ihn unbeabsichtigt eingefangen, den unmöglichen Widerspruch zwischen laut und leise. Die Abdrücke meiner Füße im feuchten Sand erscheinen, je nach Belieben meines Denkapparates, als eingedrückt oder erhaben. Ich weiß nie im Voraus, als was sich das Bild präsentiert, wenn ich es anschaue.

Manø_01

 

2 Gedanken zu „Laut und leise (1)

  1. Eine schöne Stillebeschreibung … und zur Insel habe ich mir gleich ein Lesezeichen gesetzt.
    Stille: Wir sehnen uns im Alltag oft nach ihr (ich werde zudem, je älter ich werde, immer lärmgereizter). Aber was Stille wirklich ist, das merken wir oft erst, wenn sie – hier durch die Vögel und nicht durch ein technisches/menschliches Geräusch – unterbrochen wird.

    Gefällt mir

    • Vielen Dank für Deine Worte. Mandø ist wirklich eine Reise wert. Ich empfehle auf alle Fälle die Übernachtung auf der Insel, keinen Tagesausflug. Bei Flut ist Mandø von der Außenwelt abgeschnitten. Bei Ebbe gibt es eine kleine „Strasse“, auf der man mit dem Auto dorthin gelangt. Die jeweils aktuellen Uhrzeiten für Ebbe und Flut hängen dann im Inselladen aus. :) Ich fand es dort himmlisch.
      Das Erstaunliche ist ja, dass man einen Schwarm Vögel am Himmel in der Stadt gar nicht hört. Der Unterschied hat mich wirklich sprachlos gemacht. LG, Annett
      PS: Schön, dass Du den Garten am Kirms-Krackow Haus gefunden hast. Den mag ich so.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s