Kleine Philosphie des (künstlichen) Mangels

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Ich habe aufgehört, mich wunderlich zu finden. Aus Erfahrung weiß ich, daß (fast) jede Macke, die ich an mir selbst bestaune, nach mehreren Runden im Gedankenkarussell zu etwas Größerem führt, das weit über meine bescheidene Existenz hinausweist. Ein Beispiel?

Ich mag sehr gern Cashewnüsse. In der Regel kaufe ich mir aber keine. Ich bekomme sie auch nicht geschenkt. Stattdessen besorge ich mir Studentenfutter oder sogenannte Nuß-Frucht-Mischungen, in denen Cashewnüsse enthalten sind, esse alle Cashewnüsse raus und bin fertig.

Ich mag auch sehr gern Lakritz. Selten kaufe ich mir welches. Aber ich freue mich ab und zu über eine Tüte Haribo Colorado, aus der ich dann die lakritzrelevanten Dinge herausfische. Den Rest können andere haben. Erwähnen sollte man natürlich, daß diese Art Lakritz nicht ganz ernst zu nehmen ist. Am liebsten esse ich solches, für das man hart im Nehmen sein muß. Meist ist es skandinavischer Herkunft. Damit hat es Seltenheitswert im Haus und wird streng verwaltet. Das hört sich schlimmer an als es ist, denn meine Vorliebe ist hier konkurrenzlos. Ich könnte, wenn ich wollte. Ich will aber nicht.

Es gefällt mir, wenn ich 30 Minuten vor Ladenschlußzeit in einen Bäckerladen trete und kein Brot mehr zu finden ist. Habe ich eben schlecht geplant und muß zurück auf Los. Ich mag es irgendwie, wenn Dinge ausverkauft sind. Ich mag es, wenn etwas seine Zeit hat und sich der permanenten Verfügbarkeit entzieht. Lebkuchen an Weihnachten, Rhabarber im Frühjahr, Schnee im Winter usw. Ausnahmen sind erlaubt. Am Ende zählt die Balance, denn in Stein gemeißelte Rituale ängstigen mich.

Der Mangel, die Lücke, die (noch) unerfüllte Sehnsucht sind weitaus reizvoller als der Traum vom niemals versiegenden süßen Brei. Wer hätte ihn nicht schon geträumt. In der ein oder anderen Hinsicht. Ich träume nicht mehr. Ich erobere mir den Mangel zurück. Ich kann es mir leisten. Einen wirklichen Notstand habe ich zum Glück noch nie erlebt.

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