Winterspuren

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(29.02.16)

Der Schnee ist zurückgekommen. Und mit ihm eine graue, schon etwas kraftlos gewordene Kälte. Heute, beim Einbiegen auf den einsamen verschneiten Weg in den Park, eingehüllt in einen Mantel aus kleinen stoischen Flocken aus Eis, hatte ich plötzlich dieses DDR-Gefühl. Ich nenne es einfach so, weil ich nicht weiß, wie ich es sonst definieren soll. Es hat etwas mit Kindheit zu tun, aber nicht nur. Der Anblick einer weißgrauen Schneelandschaft, der die Sonne fehlt, erzeugt ambivalente Gefühle in mir. Zum einen gibt es diese Sehnsucht nach dem langsamen, ruhigen Gang der Kindertage. Zum anderen erinnere ich mich an die Trostlosigkeit verschneiter Innenstädte, in denen stets eine Mischung aus Kohlendioxid, Großküchendunst und Autoabgasen eine Herausforderung für das sinnliche Erleben der Jahreszeit darstellte. Dieses Winterbild steht in Verwandtschaft zu einem Sommerbild, das nicht weniger trostlos erscheint: Wochenende, staubige, grauschmutzige Innenstädte unter brütender Hitze, leer gefegte Straßen in klebriger Tristesse gefangen. Diese Tristesse hatte durchaus Charme, in der Zweidimensionalität eines Fotos. In der Rückschau betrachtet. Nur war sie selten so absolut wahrnehmbar und wenn doch, dann brachte es einen fast um den Verstand.

Es sind extreme Bilder, die ich beschreibe. Und sie üben eine seltsame Anziehungskraft auf mich aus. Eine Anziehungskraft, die vergleichbar ist mit jener, der man sich augeliefert fühlt, wenn man an einem Abgrund steht und in die Tiefe blickt. Ein Sog*. Eine bittere Sehnsucht. Dieses Gefühl, in schwindelerregende Tiefe zu blicken, überkommt mich mitunter beim Lesen. Dann wird der stete Fluß fremder Gedanken für einen Moment unterbrochen und ich habe das Gefühl, den Atem anhalten zu wollen. Die Wirklichkeit meines Lebens bricht ein in die Welt des Buches. Der Abgrund, an dem ich zu stehen komme, ist keiner meiner eigenen Geschichte, aber er hätte es sein können. Das weiß ich. Ich weiß nicht, ob ich gesprungen wäre. Die Gedanken kreisen um hypothetische Fragen und stehen doch auf festem Grund. Ich habe diesen Grund betreten, auf dem sie gewachsen sind. Es waren wichtige Schritte in meinem Leben, weil sie zu mir gehören, und weil ich sie gehen mußte.
Wie jeder. Sie kamen zum Stillstand bevor das Straucheln beginnen konnte. Die Bücher, die meinen Atem zum Stocken bringen, erzählen von solchen Schritten. Es sind die Schritte von Menschen wie mir und auch solche von Menschen, denen das Straucheln nicht erspart geblieben ist.

Rica ist so ein Mensch. Sie ist die Protagonistin in Sylvia Kabus‘ Roman Weißer als Schnee, der in der Reihe Die verschwiegene Bibliothek erschienen ist. Rica lebt in Leipzig als Altenpflegerin. Die Stelle als Redakteurin einer Kulturzeitschrift hat sie gekündigt, weil die Kluft zwischen ihrem Anspruch und den tatsächlichen Möglichkeiten nicht mehr zu schließen war. Der Roman erzählt von ihrem Leben in den letzten, erstarrten Jahren der DDR, erzählt von Stagnation, von dem lähmenden Gefangensein in einem provisorischen Leben, das Ideale und Träume zu kleinen Lächerlichkeiten schrumpfen läßt. Ricas Erzählstimme sagt Sätze wie diese:

Die Mockauer Straße. Das Ende der Möglichkeit, mit Grautönen zu leben. Zwischen Bahnhof und Wohntürmen im Norden gelegen. Nicht im mutwilligsten, volltrunkenen Streunen, Taumeln auszuhalten. Sie biegt den Blick nach unten, den Körper. Jeden, der auf ihr geht. Kahl, ein Abgrund des Stillhaltens. Die Länge, die Fassaden. Jahrzehnte der Leere. Kein Schnee bekommt diese Straße hell.

Weißer als Schnee ist ein Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Die Bilder in meinem Kopf hatten plötzlich eine Sprache gefunden. Und auch meinen Träumen bin ich darin begegnet, ohne von ihnen gewußt zu haben. Sylvia Kabus hat ihr Romanmanuskript 1988 dem Aufbau-Verlag in Berlin vorgelegt. Dort betrachtete man ihre Romanfigur, ihren Text als krank. Das Manuskript wurde abgelehnt und im gleichen Zuge die Autorin von der Lektorin gnadenlos psychisch unter Druck gesetzt. Dazu schrieb sie später: Das Graue, Erloschene stellte sie mir in Rechnung. Sie wusste, dass hier etwas zerstört wurde, das hätte ermutigt werden müssen, denke ich heute.

Erst 2008 konnte das Buch bei der Edition Büchergilde als neunter Band der Verschwiegenen Bibliothek erscheinen. Für mich ist es eine wichtige und authentische Stimme aus einer Zeit, die so fern scheint und in manchen Momenten mich trotzdem so nah berührt.

 

 

 

* Mit dem sogenannten Sog der Tiefe beschäftigt sich ein Artikel im aktuellen Magazin. Die Autorin des Beitrages zitiert dort eine Erkenntnis aus der von amerikanischen Wissenschaftlern angefertigten Studie zum high place phenomenon (HPP), dem Höhenphänomen. Sie lautet: Der Drang zu springen ist der Beweis für den Drang zu leben. Das bedeutet, der Wunsch nach dem Sprung in die Tiefe ist nicht gleichzusetzen mit einer generellen Lebensmüdigkeit. Gewappnet mit diesem Satz kann ich sehr gut leben mit der Faszination an den tristen Bildern in meinem Kopf. Sie ziehen mich nicht an, weil ich eine morbide Sehnsucht nach Leblosigkeit habe, sondern aus Gründen, die als weitaus optimistischer gelten können.

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