Unsortierte Fragen

tisch

Portishead. Roads. Ein Song, der augenblicklich Gänsehaut erzeugt. Ein Song, der den Kloß im Hals gekonnt ignoriert, um sich direkt den Weg in den Bauch zu bahnen. Die Musik von Portishead gehört nicht zu jener Kategorie melancholischer Betäubung, die noch ein sanftes Wohlgefühl erzeugt, wenn sich gar nichts mehr richtig anfühlt. Man kann sich nicht darin fallen lassen. Ich kann es nicht. Portishead zu hören, wenn man in trauriger oder gar verzweifelter Stimmung ist, macht noch trauriger und noch verzweifelter. Ich bin weder verzweifelt noch traurig. Ich kann Roads sehr gut hören. Bewußt und mit aller Macht physischer Gebanntheit. Es schmerzt beinahe.

Was ich weiß oder vielleicht auch nur ahne: Dieser Song zeigt mir, wie weit weg ich bin von dem, was mein Schreiben sein könnte. Er legt offen, was der Selbstzensur zum Opfer fällt, was versteckt wird wie die Stapel unsortierter Dinge in den verborgenen Winkeln der Wohnung, wenn sich Besuch angekündigt hat. Ich kann alles sagen, wenn ich dieses Lied höre. Aber ich sage es nur zu mir. Im stummen Zwiegespräch mit dem, was ich für mein Selbst halte. Ich möchte die Worte nicht laut werden lassen. Es würde Menschen verletzen, die mir wichtig sind. Eine Möglichkeit bestünde darin, meine Worte anderen in den Mund zu legen. Romanfiguren. Das scheint kein adäquates Mittel für mich zu sein. Ich bin selbst am meisten fasziniert von autobiographischen Geschichten. Ich liebe es, mich in gelebtes Leben zu vertiefen, Menschen kennenzulernen, die dieses Dasein durchliebt und durchlitten haben. Gelingt es einem Roman ohne autobiographische Bezüge nicht, seine konstruierte Struktur zu verbergen, langweile ich mich sehr schnell. Ich will leben, ich will überleben. Ich will mich nicht betäuben. Das klingt kompromißloser als es ist. Natürlich gehe ich zum Lachen nicht in den Keller. Auch ist es nicht zu Ende gedacht. Es gibt wunderbare fiktive Romane. Aber Roads ist essenziell und erzählt von dem, was mich antreibt.

In diesem Zusammenhang ist das Bloggen nur ein kleiner Teil des Schreibens. Ursprünglich war dieser Ort hier als Übungsfeld gedacht. Ein kleines Skizzenbuch, um dem Staunen über diese Welt Ausdruck zu verleihen und mir den Zwang aufzuerlegen, mich selbst ernst zu nehmen. Zur Zeit quäle ich mich ein wenig mit den Beiträgen. Ich weiß, daß ich in erster Linie für mich schreibe und daß es für mich wichtig ist. Es wäre jedoch eine Lüge zu behaupten, ich lege keinen Wert auf das Interesse der Leser. Ich freue mich, wenn hier Menschen mit Gewinn lesen. Ich freue mich, wenn ich jemanden mit meinem Blick auf die Welt berühre. Ich merke aber auch, wie sich die Schere im Kopf öffnet, um zuzuschneiden, abzuschneiden, kleine Schmuckborten passend zu stutzen. Geplante Artikel werden verworfen oder ständig aufgeschoben, weil ich keine Lust habe, in Schubladen gesteckt zu werden, in die ich nicht gehöre. Ich beiße mich fest an der Frage, was dieses Blog leisten kann und soll. Ich bin unentschieden und werde es wohl noch lange sein, ob ich eigene literarische Texte in den Vordergrund stelle oder weiterhin einsammle, was mir vor die Füße fällt. Ich weiß, was mir als Leser bei anderen Blogs gefällt und spüre gleichzeitig, daß meine Flügel nicht so leicht geraten sind, um diesen Anspruch an mich anzulegen. Ich bin ich. Mittlerweile bin ich das recht gern. Ich habe lange dafür gebraucht. Trotzdem bestürzen mich so viele unsortierte Fragen. Irgendwann werden sich die passenden Antworten finden. Hier oder anderswo.

5 Gedanken zu „Unsortierte Fragen

  1. Ja, das Lied ist … mmh… ja, was? Tief vielleicht.

    Und was du über das Schreiben (d)eines Blogs schreibst, kenne ich zumindest streckenweise. Man hat gleich eine ganze Armada von sehr unterschiedlichen impliziten Lesern im Kopf. Für wen soll man nun schreiben? Ich versuche sie zu ignorieren bzw. mir die/den eine/n zu vergegenwärtigen, für die/den ich schreiben will. Klappt nicht immer. Aber manchmal.

    Herzlich,
    I.

    PS: Ich komme hier sehr gern her.

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    • Herzlichen Dank für Deinen Kommentar, liebe Indre. Das bedeutet mir sehr viel. Ein wenig muss ich noch arbeiten an meinen (Schreib)Strategien. Mir jemanden konkret vorzustellen, scheint bei manchen Texten hilfreich zu sein. Werde ich probieren. Ich komme unheimlich gern zu Dir und mag den Gedanken sehr, daß Du hier bei mir liest. Schön, daß es Dich und MiMA gibt. Liebe Grüße, Annett

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