Bestickt und zugenäht

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Ich kann es nicht. Ich kann mich nicht trennen von den Handtüchern, die mich schon so lange begleiten. Es ist nun mehr als überfällig, das wilde Sammelsurium aus in die Jahre gekommenen Frotteeteilen in den Ruhestand zu schicken. Mir ist es schon fast unangenehm, sie einzupacken, wenn beim Arzt um das Mitbringen eines kleinen Handtuchs gebeten wird. Ich habe meine Jahre als Jugendliche in einer Zeit verbracht, als es noch üblich war, jungen Mädchen zu verschiedenen Anlässen Nützliches und Notwendiges für die Aussteuer zu schenken. Es war damals schon ein antiquiertes Ritual, Ausdruck der letzten Zuckungen eines vergehenden Jahrhunderts. Die Handtücher, die ich eben zu diesem Zweck geschenkt bekam, wurden von meiner Oma in Handarbeit mit meinen Initialen bestickt. Aus diesem Grund dürfen sie immer noch bei mir wohnen. Aus diesem Grund frage ich mich, was ich mit ihnen mache, wenn die neuen einziehen. Wegwerfen kann ich sie nicht. Meine Oma ist erst vor wenigen Jahren verstorben. Ich denke oft an sie und es käme mir nicht in den Sinn, ihre Handschrift zu löschen. Doch wo fängt man an mit dem Erinnern, wo hört man auf? Wieviel Platz räumt man der Ding gewordenen Erinnerung ein im eigenen Leben. Ist es nicht eine zum Scheitern verurteilte Sehnsucht nach Dauer, sein Herz an Gegenstände zu hängen? Die Antworten darauf fallen je nach Tagesform verschieden aus. Im Grunde genommen ist mir durchaus bewußt, daß es bedeutend ist, welche Erinnerungen man im Herzen bewahrt. Trotzdem fällt es mir schwer, mich von Sachen zu trennen, die mich mit bestimmten Menschen oder meiner eigenen Vergangenheit verbinden.

In diesen Tagen, wo die Sehnsucht nach dem Bewahren von Vergangenem und nach der guten alten Zeit so allgegenwärtig erscheint und sich Ausdruck sucht in sehr zweifelhaften Ansichten und Bewegungen, stelle ich mir vor, daß die französische Großmutter, deren O-Ton ich jüngst im Radio hörte und die sich für ihre Enkel eine glückliche Zukunft in dieser verrückt gewordenen Welt wünschte, einfach Initialen in Handtücher stickt statt die falsche Partei zu wählen. Ein eventueller Platzmangel beim Aufbewahren von Handtüchern dürfte für die Zukunft ihrer Enkel das kleinere Übel sein. Vielleicht könnten all die europäischen Großmütter zusammen einen Handarbeitsverein gründen und Freundschaft schließen beim Besticken von Textilien. Da wird dann viel geredet, die Antworten auf drängende Zukunftsfragen fielen vielleicht nicht ganz so kurz aus. Unter Umständen wurden auch noch nicht die richtigen Fragen gestellt. Da hätte ich was:

Unter www.die-erinnerungsguerilla.org kann man sich kostenfrei (d.h. keiner wird ausgeschlossen) Fragen in Form von Aufklebern bestellen und nach eigenem Belieben überall dort verteilen, wo man es gern hätte oder für nötig hält. Es besteht sogar die Möglichkeit, Vorschläge für Fragen einzureichen. Das ist die einzige Guerilla, die meine uneingeschränkte Zustimmung findet. Die Antwort ist: Ja. Wie lautete noch mal die Frage?

 

2 Gedanken zu „Bestickt und zugenäht

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