Titelgeschichte

Gehe ich auf Reisen, zieht es mich zuerst in die Buchläden. Eine neue Stadt zu entdecken, bedeutet für mich, die Buchläden zu suchen. Ist es eine kleine Stadt, gibt es meist nur ein oder zwei von ihnen, manchmal sind sie erstaunlich gut sortiert. Ist es eine große Stadt, suche ich das Besondere, einen Laden mit Herz, den ich mir zum Freund machen kann. Es bleibt oft nicht bei einem einzigen. Ich kann ganze Tage in Buchläden verbringen, verspüre mitunter den Wunsch, einzuziehen, über Nacht zu bleiben. In Gesellschaft von Büchern fühle ich mich wohl. Immer. Ich ertrage auch die großen Ketten, wenn es nicht anders geht oder ich in der Masse verschwinden möchte. Im Geiste habe ich schon die halbe Republik versuchsweise mit einem eigenen Buchladen bereist. Das fühlt sich gut an. Immer.

Ich mag das Gefühl, in Buchläden nach und nach die eigene Handschrift der Inhaber zu entdecken, besonders dann, wenn sie Titel führen, die keine Neuerscheinungen oder Klassiker sind und die meinen eigenen Lesegeschmack streifen. Trotzdem man heute (fast) jedes Buch außerhalb eines Buchladens bestellen kann und meine Begehrlichkeiten die finanziellen und räumlichen Möglichkeiten bei weitem übersteigen, kann und will ich die müßigen Stunden im Buchladen nicht entbehren. Nicht selten verlasse ich die Läden nach einem zeitintensiven Besuch ohne Buch in der Tasche. Das ist nicht schlimm. Ein wenig Zurückhaltung im Konsumieren kann befriedigender sein, als sich jeden Wunsch sofort zu erfüllen. Auch wenn ich nichts gekauft habe, ist der Gewinn, den ich mit mir trage, nicht zu unterschätzen. Es bereitet mir ein warmes Gefühl von kindlicher Vorfreude und meditativer Entspannung, die Regale entlang zu streifen und Buchtitel in mir aufzunehmen als wären sie heilige Verse. Buchtitel existieren für mich außerhalb ihrer Bestimmung. Sie führen ein eigenwilliges Spiel mit meiner Vorstellungskraft. Die Titel der Bücher sind Versprechen, die meine Lust an ihnen aus dem Wissen ziehen, dass sie nie eingelöst werden. Schon die erste Seite eines Buches führt mich ins Abseits dessen, was der Titel mir versprach. Bei manchen Büchern zögere ich den Lesebeginn weit hinaus, um mir noch ein wenig die Faszination am Namen zu bewahren. So ein Laden voller Bücher birgt also nicht nur das Potential der tatsächlich zwischen all den bedruckten Seiten lebenden Geschichten, sondern auch die von mir fantasierten Möglichkeiten noch nicht gedruckter Erzählungen, die sich allein aus dem Titel speisen. Ein seltener Glücksfall ist es dann, wenn nach dem Lesen Titel und Buch so miteinander verwachsen, dass die Faszination nicht mehr einzeln zu adressieren ist.

Ein Gedanke zu „Titelgeschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s