Annäherung als Strategie

Mir fehlen ein wenig die Worte, was sich an dieser Stelle nicht verbergen läßt. Tagtäglich prasseln Informationen, Meinungen, Befindlichkeiten und Polemiken auf mich ein in einer Geschwindigkeit, der ich mich kaum gewachsen fühle. Es gibt so viele Fragen. Ich will verstehen und ich mißtraue einfachen Antworten zutiefst. Ich habe so viel gelesen, so viel gehört in der letzten Zeit. Leider berührt nur weniges davon meine Fragen.

Einer, bei dem einfache Antworten nicht zu finden sind, ist Navid Kermani, dem in diesem Jahr der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wird. Ich habe das Buch von Navid Kermani wieder aus dem Regal genommen, das ich vor einiger Zeit gelesen hatte. Sein Titel ist Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt. Es gibt darin einen Bericht aus Syrien, der mittlerweile drei Jahre alt ist und den man mit dem heutigen Wissen nicht lesen kann, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu bekommen, wie verzweifelt und hoffnungslos sich die Lage in diesem Land anfühlen muss für Menschen, die dort leben und deren Heimat Syrien ist. Navid Kermani hat seinen Text schon damals Eingang zur Hölle genannt. Kapitelüberschriften wie Zwei Sichtweisen offenbaren eine Qualität der Berichte Kermanis, die ich sehr zu schätzen weiß, weil sie keine Selbstverständlichkeit ist. Navid Kermani hält sich fern von Gemeinplätzen. Er bleibt offen für die Menschen, die ihm begegnen, ob er ihre Überzeugungen teilt oder nicht. Das macht seine Texte für mich so wertvoll. Er ist nah dran an den Menschen und ihren Lebensgeschichten, fertigt Momentaufnahmen und redet nicht von der großen Politik. Auf diese Weise schärft er aber den Blick für das, was sich hinter den großen Schlagzeilen der Zeitungen verbirgt. 

Dieses Dahinterblicken ist etwas, das ich nicht mehr missen möchte. Wenn mir das Verständnis für die großen Zusammenhänge fehlte oder komplexe Themen auf einfache Formeln heruntergebrochen wurden, hat es sich für mich immer gelohnt, nach Quellen zu suchen, die mehr erzählen als den ohnehin schon bekannten Konsens. Ich gebe mich ungern mit einfachen Antworten zufrieden. Mich interessieren persönliche Lebensgeschichten, andere Sichtweisen und Hintergründe. Das bewahrt mich davor, in extremen Situationen mit extremen Standpunkten zu reagieren. Ich bin deswegen nicht vorurteilsfrei, aber dankbar für jede Gelegenheit, mich von vorgefertigten Meinungen zu befreien.

In dem Text, der zu einer Reise nach Palästina entstand, formuliert Kermani den einfachen Satz: Mitmenschlichkeit setzt voraus, daß man den anderen als Menschen ansieht. Ein denkbar einfacher Satz, aber weit davon entfernt, eine einfache Antwort zu sein.

 

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