Distanzgemindert

IMG_3770Zu Beginn dieser Woche habe ich Christian Petzolds Film Barbara gesehen. Auf großer Leinwand. Er ist nicht ganz neu, ich weiß. Aber die Gelegenheit ergab sich und ich war sehr froh darüber, ihn ein zweites Mal sehen zu können. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Filme wie Barbara ziehen mich magisch an. Wenige sind wirklich gut. Dieser ist es.

Während meines Studiums habe ich gelernt, Filme anders zu sehen, sie unter wissenschaftlichen Aspekten zu betrachten, nicht dem Narrativ anheim zu fallen und emotional Abstand zu halten zum Objekt meiner Betrachtung. Wenn man aufhört, Filme so zu sehen, hört man auf, sie so zu sehen. Das soll heißen, je weiter ich mich von wissenschaftlichen Betrachtungsweisen entferne, weil sie nicht mehr Bestandteil meines Alltags sind und keine Aufgabe mich herausfordert, sie dazu zu machen, um so weniger bin ich in der Lage, mich ihnen anders als emotional zu nähern. Das stimmt so nicht ganz, denn mein Verhältnis zum Film hat sich durch das Studium grundsätzlich geändert. Doch Praktiken der Filmbetrachtung verwässern, wenn sie nicht geübt werden. Ich finde das nicht schlimm, es gibt mir einen Hauch Unbefangenheit zurück. Ich liebe Geschichten. Das habe ich schon immer getan. Deswegen fällt es mir sehr schwer, beim Studieren von Filmen den erzählenden Aspekt hintenanzustellen. Ich weiß, wie es anders geht, aber oft möchte ich das gar nicht.

Im Falle von Filmen wie Barbara kommt eine weitere Dimension hinzu. Ich muß feststellen: Ich fühle mich befangen. Ist das gut? Ist das schlecht? Ich weiß es nicht. Es ist einfach so. Ich lese etwas mit in diesem Film, das andere, die nicht in der DDR aufgewachsen sind, nicht können. Wie sieht jemand diesen Film, der nicht persönlich betroffen ist? Filme dieser Art wirken wie ein Trigger auf mich. Wenn ich anfange zu weinen, dann in einem Ausmaß, das mich selbst überrascht. Es ist nicht dieser eine Moment im Film, der mich überwältigt, es sind diese vielen Momente, von denen ich weiß und von denen dieser Film nicht erzählt. Aber irgendwie doch. Es sind die Momente, von denen ich nichts wissen kann, weil sie sich in einer Zukunft ereignen, die nie stattgefunden hat. Ich ahne jedoch, daß sie auf mich gewartet haben. Und sehen kann ich auch Dinge, die verloren gegangen sind, die der Film ebenfalls nicht zeigt und die ich nicht erklären kann, mitunter nicht einmal Menschen, die mit mir gelebt haben. Ich habe mich vor Monaten unheimlich gefreut über diesen Blogartikel zur Kirche in der DDR, weil er etwas in Worte fasst, das auch zu diesen Dingen gehört, von denen ich glaube, das ich sie schwer erklären kann. Ohne daß ich einen kirchlichen Hintergrund gehabt hätte, war die im Artikel beschriebene Atmosphäre für mich immer spürbar.

Mit diesem Gefühl, das kein vermittelbares Wissen ist, sitze ich im Kino. Mit diesem Gefühl lese ich Bücher. Manchmal bin ich damit einsam, weil es zu einer Sprache wird, die nur wenige verstehen. Nicht einmal zu meinen Kindern kann ich in dieser Sprache sprechen. Und trotzdem: In Barbara fühle ich mich verstanden. Den Film habe ich im Lichthaus Kino Weimar als Gast im Rahmen eines Seminars der Medienwissenschaft gesehen. Wie Barbara dort besprochen wurde, würde mich nun doch interessieren. 

Eine kleine (!) Auswahl an Filmen und Büchern, die meine Sprache sprechen:

Helke Misselwitz Winter adé

Robert Thalheim Westwind

Sylvia Kabus Weißer als Schnee

Susanne Schädlich Immer wieder Dezember (den Untertitel habe ich bewußt weggelassen) 

 

 

 

 

 

 

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