Kindertage

turnhalle

Am vergangenen Wochenende war ich in der alten Schule, die ich in den ersten vier Jahren meiner Schulzeit besucht habe. Das Gebäude wird schon seit vielen Jahren nicht mehr als Schule genutzt und hat in der Zwischenzeit schon einige Umnutzungen erfahren. Die ehemaligen Horträume stehen den Bewohnern des einstigen Dorfes für Vereinstätigkeiten und festliche Anlässe zur Verfügung. Die Klassenräume dienen vorwiegend als Lager. Der Zahn der Zeit hat am ganzen Haus genagt. Es war nicht mein erster Besuch dort. Ich habe vor einigen Jahren im Rahmen eines Uniprojektes Fotoaufnahmen in den Räumen gemacht. Schon damals war ich fasziniert von dieser Zeitreise in meine Kindheit.

Die Erinnerung ist ein unzuverlässiger Kamerad. Sie kommt, wann sie will, geht, wann sie will und läßt sich nicht zum Bleiben überreden. Ja, sie hat schon etwas Divenhaftes an sich. Man könnte meinen, Menschen, die das gleiche erlebt haben, erinnern sich in gleicher Weise daran. Das ist naiv, ich weiß. Doch da man in das Gedächtnis anderer Leute nicht abtauchen kann, ist es lediglich möglich, die eigene Erinnerung als Maßstab zu nehmen. Meine Freundin H., die ich schon aus den Tagen im Kindergarten kenne, erinnert sich an so vieles, was wir zusammen erlebt haben. Ich frage mich oft, ob ich wirklich dabei gewesen bin, obwohl ich es natürlich besser weiß. Mit ihr zusammen habe ich auch diese Schule besucht. Meine Erinnerungen, die Schulzeit betreffend und darüber hinaus, gleichen diesen Luftblasen, die aus den Tiefen eines Sees nach oben steigen und davon künden, daß dort unten Leben ist. Ich sehe mich in der Turnhalle an der weißen Linie stehen, an der wir uns alle zu Beginn der Sportstunde aufreihen mußten. Am Vortag habe ich erfahren, daß meine Urgroßmutter gestorben ist. Ich bin traurig. Trotzdem fühlt sich diese Nachricht in unangenehmer Weise fremd an. So, als hätte sie nichts mit mir zu tun. Ich warte auf Tränen, aber sie kommen nicht. Ich habe meine Uroma gern gehabt. Ich möchte weinen, damit alle anderen sehen, daß dies kein normaler Tag für mich ist. Ich kann nicht.

Von der weißen Linie aus konnte man aus Fenstern, knapp unter dem Dach der Turnhalle, auf das Dach des Schulgebäudes blicken. Vor zwei Tagen habe ich mich an diese weiße Linie gestellt. Wie vertraut der Blick war! Als hätte ich erst gestern hier gestanden. Ich bin dankbar für jede Erinnerung, die es nach oben schafft. Ich erinnere mich an einzelne Momente an bestimmten Tagen. Die Auswahl treffe nicht ich und doch bin ich es, die sich erinnert. Das sind keine Momente großer Trauer oder großen Glücks. Oft sind es ganz unscheinbare, bedeutungslose Momente, deren Auserwähltheit ich nicht verstehe.

Manchmal erzählen mir Menschen, daß ich etwas Bestimmtes zu ihnen gesagt habe. Sie haben es sich gemerkt, weil es in dem Moment vielleicht wichtig für sie war oder anders als das, was sie erwartet haben oder selbst dachten. Mir kommen diese Aussagen mitunter so fremd vor, daß ich bezweifle sie getätigt zu haben. Ich bin mir sicher, daß ich in der Regel meine, was ich sage. Um so erstaunlicher ist für mich die Tatsache, daß ich mich an so vieles nicht erinnern kann. Das habe ich gesagt? Wann war das? Bist du dir sicher? Wahrscheinlich ist es auch ein Zeichen dafür, daß ich mich verändere, daß ich nie genau dieselbe bin, die ich einmal war. In diesem Zusammenhang verändert sich ebenfalls das bißchen Erinnerung, das sich in mein Bewußtsein kämpft. Oder nicht? Ich glaube, man sollte Erinnerung nicht mit Wertschätzung gleichsetzen. Das kannn nur schief gehen.

Mich erstaunen immer wieder Menschen, die es schaffen, sich fast am Ende ihres Lebens, noch an kleinste Details ihrer Vergangenheit zu erinnern und daraus eine Erzählung zu formen. Ganze Jahre sind bei mir ins Nichts entschwunden. Deshalb ist meine alte Schule, die auf eine seltsame Weise in der Zeit stehen geblieben ist, wie ein kleines Schatzkästchen für mich. Sie hilft mir, Erinnerungen zu bergen. Seit ich Kinder habe, wird mir immer mehr bewußt, wie groß die Verantwortung ist, die ich für ihre Erinnerungen habe. Das macht mir Angst. Oft. Ich weiß, wie fehlbar ich bin. Ich weiß, wie klitzeklein manchmal die Dinge sind, die sich in der Erinnerung von Kindern als unheimlicher Schatten einnisten. Jedoch: Seit ich Kinder habe, kann ich mehr Verständnis aufbringen für die Schwächen meiner Eltern und für den Lauf des Lebens, der nur den Blick, nicht den Gang zurück, erlaubt.

# eine kleine Auswahl an Blicken zurück, zum Teil sehr schmerzhaft, aber immer mit der Sehnsucht behaftet nach dem, was Kindheit sein kann und sollte:

Walter BenjaminStefan ZweigAngelika SchrobsdorffLily Brett, Anna Mitgutsch

und auch: Simone de Beauvoir, Gila Lustiger, Paul Auster  … to be continued …

# eine Graphic Novel, die im Buchladen spontan mein Herz erobert hat

# eine wunderbare japanische Graphic Noveldie verfilmt wurde und noch eine vom selben Zeichner

# eine Reihe, die gegen schwarze Löcher hilft

# ein Tagebuch, das keine Ausreden mehr zuläßt, von dieser frohen Zeichnerin

 

Ich nehme herzlichst dankend weitere Empfehlungen entgegen.

 

 

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