Pünktchen, Pünktchen, Komma, Strich

 

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Im April scheint alles möglich. Im April bin ich wieder Kind. Der Frühling ist die Jahreszeit, in der die Leichtigkeit zu Gast bei mir ist. Das Jahr ist noch jung und verheißungsvoll und ich glaube ihm immer wieder aufs Neue, daß Zeit keine Rolle spielt, daß es genügt, einfach da zu sein. Mit Kniestrümpfen durch eine bunt beduftete Welt laufen, ein Vogellied im Ohr, was braucht es mehr.

Das ist der richtige Augenblick, ein Buch vorzustellen, an das ich als siebenjähriges Mädchen mein kleines Herz verloren habe.

Panni Pünktchen wurde nicht so genannt, weil ihre Oma immer rotgepunktete Kleider für sie wählte. Dieser Name blieb an ihr hängen, als sie eines Tages aufwachte und sah, daß ihre Haut mit roten Pünktchen bedeckt war.

So beginnen die Geschichten um Panni Pünktchen*, die dem Buch den Namen gibt. Panni war für mich die erste literarische Identifikationsfigur. Sie trat in mein Leben und war fortan da. Ich war alt genug, um Panni Pünktchen selbst zu lesen und ich tat es immer wieder. Vielleicht ist sie mir deshalb in Erinnerung geblieben und nicht wie Tante Mascha in die Lücken entschwunden. Panni sah ein wenig aus wie ich. Ich mochte ihren Namen. Ich fand die Tatsache schön, daß ihre Puppe dieselben Kleider trug wie sie. Mir gefiel ihr kleines rotes Mäntelchen und die kleine rote Baskenmütze, die sie trug. Panni lebte in Ungarn. Das fand ich aufregend, weil ich so rätselhafte Worte wie in Asche gebackene Pogatschen lesen durfte und Panni an den Balaton in die Sommerfrische fuhr. Was für ein Wort! Sommerfrische. Dort, in der Sommerfrische, verdarb sich Panni bei der Aprikosenernte den Magen und die erklärenden Sätze für die Oma hätten von mir sein können:

…  d i e   A p r i k o s e n   h ä t t e n   i h r   z u g e r e d e t,   d o c h   n o c h   w e l c h e   z u   e s s e n.   Und sie hatte das auch wirklich getan! Immer wieder hatten sie gesagt: „Sei so gut, und iß auch mich! Du wirst doch nicht ausgerechnet mich liegen lassen?“

Eine der Aprikosen ist ihr doch tatsächlich direkt in den Mund gehüpft. Solche merkwürdigen Sachen sind mir als Kind auch passiert. Später merkt man, daß man das lieber für sich behält, weil man leicht unglaubwürdig erscheint. An phantasievollen Einfällen mangelte es Panni nicht, ebenso wenig ihrer Großmutter, die für alle Notlagen einer kleinen Kinderseele eine hilfreiche und liebevolle Lösung hat. Panni Pünktchen lebt in der Zeit, von der das Buch erzählt, bei ihr. Es wird nicht erklärt, warum das so ist, und die Eltern des Mädchens spielen keine Rolle. Das hat bei mir komischerweise erst Fragen aufgeworfen, als ich nicht mehr im Panni-Alter war. Obwohl … eigentlich bin ich das noch immer.

Ich benutze meine Kinder gern als Ausrede, um neue Kinderbücher zu kaufen oder die alten eigenen aufzubewahren. Für Panni Pünktchen brauche ich keine Ausrede. Panni kommt überallhin mit. Nur für mich.

 

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Panni Pünktchen

 

 

 

 

 

 

 

 

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In meiner Begeisterung habe ich direkt ins Buch gezeichnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

*ich beziehe mich auf die nur noch antiquarisch erhältliche Ausgabe von 1978: Maria Szepes, Anna F. Györffy, Panni Pünktchen, Corvina Verlag; neu aufgelegt im leiv Leipziger Kinderbuchverlag, ISBN: 978-3-89603-258-4

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