Hiebe und Stiche

Eine Textstelle aus dem Roman Dem neuen Sommer entgegen von Janet Frame hat es mir seit langem angetan.

Wollen Sie, dass ich Ja oder Nein sage?, fragte sich Grace. Ich habe keinen sozialen Instinkt. Ich bin es nicht gewohnt, um eine Einladung herumzutanzen, bloß um ein hübsches Muster aus Neins und Jas zu machen.

Der soziale Instinkt, den Janet Frame hier so gekonnt beschreibt, macht mir mitunter erheblich zu schaffen. Ich würde nicht behaupten wollen, daß er mir fehlt, er mutet nur ab und zu verkümmert an. Ich fühle mich in Situationen, bei denen Smalltalk gefragt ist, schnell unwohl und bin zugegebenermaßen nicht besonders gut darin. Man wird es mir gelegentlich als Arroganz auslegen, wenn ich in Gesellschaften mit vielen unbekannten Gesichtern keinen Kontakt herstellen will kann. Um so glücklicher bin ich, sobald mir jemand eine Brücke baut, auch wenn das für mich so anstrengend ist wie die Balance zu halten auf einer Hängebrücke. Über mein Unbehagen in der Kommunikation habe ich mich bereits hier geäußert, wobei ich einen Aspekt außer Acht gelassen habe.

Ich habe den Eindruck, daß der soziale Instinkt im Internetverkehr eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Schreiben ist gut für mich, so lange keine Interaktion stattfindet. Der Kontakt mit Menschen, die ich ausschließlich als virtuelle Personen kenne, stellt mich vor ähnliche Herausforderungen wie der Direktkontakt von Angesicht zu Angesicht. Eine Vielzahl unausgesprochener Regeln scheint Prozesse zu steuern, die völlig im Dunkeln liegen. Was man schreibt, was man nicht schreibt, wen man wie anspricht, ob man etwas zurückbekommt und was, geht man zu weit, geht man nicht weit genug – alles abhängig vom sozialen Instinkt, der mir irgendwie abgeht. Das Wissen um die Eigenarten eines Gegenüber, um dessen Humor und seine empfindlichen Stellen, alles fehlt. Meinen Vorsatz, keine Emoticons zu benutzen, habe ich schon mehrfach gebrochen. Alles ist interpretierbar, in jeglicher Hinsicht. Und überall, wo man hinkommt, begegnet man doch nur sich selbst. Die Hängebrücke schwankt und schwankt, von Sicherheit keine Spur. Die Hemmschwelle sich zu äußern ist sehr niedrig und verführt zu einer Spontanität, die mir sonst nicht zu eigen ist. Social Media ohne ausgeprägten sozialen Instinkt ist vielleicht keine gute Idee, aber Social Media ohne Interaktion präsentiert sich als Einbahnstrasse.

Es gibt (zum Glück) Tage, an denen ich solch einen Text nicht schreiben würde. An den anderen Tagen hat in den vergangenen Wochen ein Buch an mir genagt, für das ich ohne zu zögern das oft bemühte Kafka-Zitat gelten lassen würde:

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? […] ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.*

Es ist die Geschichte einer schwierigen Freundschaft, einer Freundschaft zwischen zwei Frauen, begonnen im Kindesalter. Das Buch nimmt die Perspektiven beider Frauen auf, stetig wechselnd, in einer schmerzhaften Ehrlichkeit. Das ist anfänglich etwas verwirrend, entfaltet jedoch im Laufe der Geschichte eine sogartige Wirkung. Der Wechsel der Erzählperspektive ermöglicht ein tiefes Eintauchen in die Psychologie dieser Beziehung. Zwei Menschen, zwei Perspektiven, zwei Wahrheiten. Keine der beiden Ansichten der Beziehung ist durch die jeweils andere widerlegbar. Und doch sind sie äußerst verschieden. Der Roman setzt sich mit Hilfe der differenten Sichtweisen über seinen Titel Das andere Gesicht hinweg, seine Protagonisten können das nicht. Das andere Gesicht ist alles, was sie sehen können. Jeder Versuch, dahinter zu blicken, führt sie zu sich selbst zurück. Es mangelt an der Bereitschaft zur offenen Kommunikation, die im Grunde den Idealfall darstellt, der selten ist. Unvermögen, verstrichene Gelegenheiten, unaufgeklärte Mißverständnisse, uneingestandene Schwächen – so ist das Leben. Für mich bietet das, der dramatischen Melodie des Textes zum Trotz, einen tröstlichen Ausblick. Auch wenn es mitunter nicht so scheint, weil in der virtuellen Welt nicht mehr zu haben ist als ein Gesicht, eine Oberfläche, die Bereitschaft zur offenen Kommunikation ist keine Unmöglichkeit. Manchmal gelingt er, der Austausch, oft tut er es nicht. Dann schreibe ich solche Texte und hoffe auf die anderen Tage, an denen sich der soziale Instinkt als Freund erweist.

*den genauen Wortlaut habe ich hier entnommen

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