Auf Augenhöhe

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Vor einigen Jahren, als meine Tochter noch in den Kindergarten ging, wurde ich auf einen Zeitungsartikel aufmerksam, der dort an der Pinnwand angebracht war. Irgendjemand muss ihn für wichtig gehalten haben und wollte ihn gern teilen. In dem Text wurde die Kindheit gefeiert, allerdings nicht die damals aktuelle, sondern die der Verfasserin des Artikels und ihrer Generation. Sie sprach von einer vergangenen Zeit, die in der Rückbetrachtung in ein goldenes Licht getaucht war, ähnlich dem, das in Fotografie und Film gern mit Hilfe von Farbfiltern erzeugt wird. Dinge, die in diesem Licht geschehen, werden getragen von dem Wissen um die Schönheit und Magie längst vergangener Tage, um die Existenz besserer Zeiten, welche nie in der Zukunft liegen und schon gar nicht im Hier und Jetzt.

Die Autorin durfte in ihren Kindertagen auf Bäume klettern, sie durfte sich schmutzig machen, durfte wahrscheinlich auch mal am Familientisch Platz nehmen, ohne sich vorher die Hände gewaschen zu haben. Ich vermute, sie war sehr oft ohne die Begleitung von Erwachsenen unterwegs und im Auto ihrer Eltern ist sie wohl einfach so auf die Rückbank gehopst ohne monströse Sicherheitsvorkehrungen mit komplizierten Anschnalltechniken. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Die Knie waren immer aufgeschrammt und die einzigen englischen Wörter, die sie sprach, entsprangen ihrer Fantasie, denn diese war wirklich grenzenlos. Damals.

Den konkreten Wortlaut ihrer Reminiszenz an die Kindertage kann ich nicht mehr nachvollziehen, den Ansatz dahinter wohl. Früher war Kindheit wunderschön. Sie war wild, Gefahren lauerten überall, aber man stellte sich ihnen und gewann … wunderbare Erinnerungen. Die Eltern waren zwar vorhanden, störten aber das Glück ihrer Sprösslinge nur, wenn es unbedingt nötig war. Und heute? Im Vergleich mit den gefilterten Erinnerungen der Autorin und ihrer Gefährten, konnten die heutigen Kinder nur verlieren. Es war und ist ihnen unmöglich, diesem goldenen Licht etwas entgegenzusetzen. Egal, wie sie es anstellen, die guten Zeiten sind vorbei. So die Essenz dieser Zeilen.

Die Autorin schrieb ihren Artikel mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Annahme, die Kindheit als eine besondere Zeit, als ein hohes Gut anzuerkennen. In diesem Sinne ist er auch an der Pinnwand des Kindergartens festgemacht worden. Nur hatte die Autorin leider ausschließlich ihre eigene Kindheit im Fokus, für alle, die nicht das Glück ihrer frühen Geburt teilten, blieb Mitleid übrig. Mehr nicht. Das war mit Sicherheit nicht ihre Absicht, aber wie heißt es so schön: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Es ist das, was mich im Umgang mit Kindern am meisten stört, im übrigen auch an mir selbst: Eine herablassende, gönnerhafte Geste, die sich als Empathie tarnt. Erwachsene denken an sich selbst und erzählen von sich selbst, wenn sie von Kindheit sprechen. Was sollen sie auch anderes machen. Ist die Pforte ins Reich der Großen einmal durchschritten, geht die kindliche Perspektive für immer verloren. Der Weg zurück ist, abgesehen von der Erinnerung, oft nur über die eigenen Kinder und Enkelkinder zu beschreiten. In Ansätzen. Für viele Menschen bleiben Kinder jedoch ewig ein Rätsel und auch Ärgernis, sobald sie selbst keine mehr sind. Menschen, welche die Bereitschaft und die Fähigkeit besitzen, Kindern auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen sind keine alltägliche Erscheinung. Es gibt Naturtalente, und es gibt diejenigen, denen es vielleicht schwer fällt, die aber trotzdem eine innere Zugewandtheit und Offenheit mitbringen. Dafür ist es nicht notwendig, eigene Kinder zu haben.

Die Lebensverhältnisse von Peter Sis kenne ich nicht, aber ich weiß, daß sein Buch Madlenka für mich ein herausragendes Beispiel einer Begegnung mit Kindheit auf Augenhöhe ist. Madlenka ist ein kleines Mädchen, das in New York lebt. Wir teilen im Buch mit ihr ein großes Ereignis: Der erste Zahn wackelt. Das muss sie unbedingt allen erzählen und wir dürfen sie begleiten auf dem Weg zu ihren Freunden.

Die Kindheit in einer amerikanischen Großstadt ist üblicherweise nicht das, was man im Kinderbuch mit einer glücklichen Kindheit assoziiert. Als ich vor Jahren zum ersten Mal nach New York kam, war ich so überwältigt von dieser Stadt, daß ich mir nicht vorstellen konnte, dort mit Kindern zu leben. Es war zu laut, zu schnell, zu dreckig, zu gefährlich, zu viel von allem. Aber wo Menschen leben, leben Kinder. Das tun sie auch in New York. Für Madlenka ist es ihr Zuhause. Das große Ereignis in ihrem Leben ist der wackelnde Zahn, nicht die riesige Stadt. Sie hat viele Freunde aus allen Ecken der Welt und die Großstadt ist mehr Abenteuer als Problem. Nirgendwo gibt es in goldenes Licht getauchte Baumhäuser und trotzdem macht es einfach nur Freude, Madlenkas Lebenslust zu spüren und die Stadt mit ihren Augen zu sehen. Von diesen Büchern hätte ich gern mehr.

 

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Peter Sis, Madlenka, Hanser Verlag, 2001

 

 

2 Gedanken zu „Auf Augenhöhe

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