Alles anders

Ich hatte an dieser Stelle einen anderen Eintrag geplant. Dann war ich im Kino. Und plötzlich gab es ein Danach. Ich hatte mir Still Alice angeschaut. Zwei Stunden verbrachte ich in der nachsichtigen Dunkelheit des Kinosaals mit feuchten Augen. Im Anschluß erschien es mir unmöglich, den Rest des Tages in den vertrauten Abläufen zu absolvieren, aber ich hatte leider nicht die Wahl.

Der Film beschäftigt sich mit Alzheimer und den Auswirkungen auf Betroffene und ihre Familien. Die von Julianne Moore gespielte Dr. Alice Howland steht mit ihren 50 Jahren noch mitten im Leben, arbeitet als Professorin für Linguistik an der Universität, führt eine glückliche Ehe und hat drei erwachsene Kinder. Bei ihr wird eine sehr frühe, vererbbare Form von Alzheimer diagnostiziert. Die Diagnose bringt das Familiengefüge ins Wanken, scheinbar fest geschriebene Rollen werden hinterfragt. Dabei hat mich ein Aspekt der Handlung nachhaltig beschäftigt, die Veränderung der Beziehung zwischen Alice und ihrer jüngsten Tochter. Diese Veränderung steht aus meiner Sicht exemplarisch für die Zweigesichtigkeit einer jeden schlechten Erfahrung im Leben, für das gegenseitige Durchdrungensein von Glück und Unglück. Es ist somit eine Absage an eine vorgeschriebene Dualität des Daseins, eine Einteilung von Menschen in Gewinner und Verlierer, in Gebende und Nehmende, in vorgefertigte Schablonen, die nicht passen können und doch immer wieder bemüht werden. Die Beziehung zwischen der gesunden Alice und ihrer Tochter Lydia (Kristen Stewart) ist angespannt und von stummen und manchmal auch lauten Vorwürfen der Mutter an ihre beruflich perspektivlose Tochter geprägt. Lydia ist das Sorgenkind der Familie, nicht aufstrebend, nicht erfolgreich. Sie widersetzt sich der logischen Fortsetzung der Erfolgsgeschichte ihrer Eltern. Erst als Alice beginnt, ihre Überlegenheit und Souveränität zu verlieren, wird es für Lydia möglich, sich ihrer Mutter zu nähern als das, was sie ist und was sie ausmacht. Die Krankheit führt Alice und Lydia zusammen. In dem Maße, in dem Alice ihre Worte verliert, wächst die Kommunikation zwischen ihr und Lydia. Der Kontrollverlust der Mutter ist die Bedingung dafür, daß die Tochter sich ihr ohne Deckung näher kann. Lydia ist am Ende diejenige, die fähig ist, Alice behutsam und zärtlich auf ihrem Weg zu begleiten. Das letzte Wort des Films ist: Liebe.

Oft habe ich mir in der Vergangenheit bewußt gemacht, wie die schlechten Erfahrungen im Leben meiner Mutter erst ermöglicht haben, daß es mich gibt. Diese Erkenntnis setzt sich fort in meinem eigenen Leben. Und trotzdem ich auf viele Dinge, die geschehen sind, gern verzichtet hätte, gehören sie zu mir und haben mich anderes erleben lassen, das so viel besser war. Ich verwehre mich zwar dagegen, das gern genommene Argument zu verwenden, daß am Ende alles einen Sinn hat. Das hat es nicht. Dennoch hat das Leben und haben die Menschen es verdient, sie nicht in harten Konturen zu zeichnen. Die Tatsache, daß in dieser Gesellschaft immer wieder unhinterfragt die Worte Gewinner und Verlierer verwendet werden, empfinde ich als blinden Fleck.

 

* das Lied zum Film (im Original)

* das Lied zum Film (OST)

 

5 Gedanken zu „Alles anders

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