Das Biest zähmen

Es gibt immer ein erstes Mal. Der Mensch neigt zu romantischer Verklärung, wenn die Sprache auf ein solches kommt, zumindest wenn es sich um ein positiv besetztes handelt. Denke ich über diese meine ersten Male nach, bleiben am Ende nicht viele übrig. Denn beim „Darübernachdenken“ fangen sie an sich zu zerfasern. Nur wenige lassen sich in meiner Erinnerung in ein konkretes Davor und Danach einordnen, sehr viel mehr bewegen sich auf einer Linie als schleichende Übergänge. Das gilt für die guten wie für die schlechten.

Irgendwann hat es begonnen. So viel ist sicher. Bis heute frage ich mich, ob es den Namen Migräne verdient. Ich wüsste jedoch nicht, wie ich es sonst nennen sollte. Ich kann mich nicht erinnern, wann die Kopfschmerzen in etwas übergingen, das ich zuvor noch nicht erlebt hatte. Eines Tages war dieses Gefühl, nur noch pulsierend schmerzender Kopf zu sein, ein regelmäßiger Begleiter, den ich nicht abzuschütteln vermochte. Es hat einige Zeit gedauert bis ich verstand, daß der Versuch, den Schmerz auszuhalten, keine heroische Tat ist. Je länger ich den Schmerz ignorierte ohne ein Medikament zu nehmen, um so unwahrscheinlicher wurde es, ihn wirksam zu bekämpfen. Ich bin sehr froh, daß sich mittlerweile die Kopfschmerzattacken in ihrer Anzahl beschränken. Die Schmerzerinnerung ist jedoch stets gegenwärtig.

Manchmal finde ich in Büchern, die mich in ihrer Gesamtheit nicht überzeugen, doch ein Element, das hängenbleibt. So geschehen bei Alain Claude Sulzers Roman Aus den Fugen. Die Beschreibung eines Migräneanfalles der Sekretärin Astrid Maurer ist so eindrücklich beschrieben, daß ich dem nichts hinzuzufügen weiß.

„Wenige Sekunden später überwältigte sie der Wolf. Er kam wie immer überraschend, wie immer war er noch größer, noch stärker, noch grausamer als beim letzten Mal, gefräßig, unbezähmbar, blindwütig. Der Schmerz war feuerrot wie seine Augen und ätzend wie sein Atem. Ihr wurde schwarz vor Augen, der Wolf hatte ihr den Kopf abgebissen.

Erst allmählich erlangte sie die Gewißheit, daß sie noch lebte. Sie lebte noch, vielleicht nur deshalb, um den Schmerz zu spüren. Der Wolf hatte sich geduckt, es war nur eine Frage der Zeit, daß er ihr noch einmal und noch heftiger die Zähne zeigte. Sie gehörte ihm.“

„Der Wolf, der in ihrem Schädel lauerte, konnte seinen Rachen jederzeit von neuem aufreißen, und sie wußte, daß er es tun würde, in einer halben, in einer Stunde. Es konnte eine Stunde dauern oder zehn, er würde sich bemerkbar machen. Sie achtete darauf, ihren Kopf nicht zur Seite zu bewegen. Nur keine unbedachte Bewegung.“

„Astrid nahm die Umgebung leicht verzerrt wahr, was sie wie immer in Angst und Schrecken versetzte, obwohl sie wußte, daß das eine natürliche Begleiterscheinung der Migräne war. Alles, was ihr jetzt nicht normal schien, war nichts weiter als eine Nebenwirkung ihrer Krankheit.“

aus: Alain Claude Sulzer, Aus den Fugen, Verlag Galiani Berlin, 2012

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