Bestimmter Zufall

Ein paar Bücher gibt es, von denen ich genau weiß, wie sie mich gefunden haben. Es scheint, sie haben nur darauf gewartet, daß mich der Zufall zu ihnen führt. Das ist weniger esoterisch als es klingt, ich bin kein sonderlich transzendenter Mensch, aber an diesem Punkt diskutiere ich nicht. Die Bücher finden mich. Eines dieser Bücher war Erzählung für einen Freund von Halina Poświatowska. In einem Laden, der das Wort „Pfennig“ im Namen führt, habe ich es vom Bücherwühltisch gezogen. Warum ich mir überhaupt die Mühe mache diese Wühltische durchzusehen, ist mir ein Rätsel, aber immerhin finde ich dort ab und zu kleine Schätze. Ich mag den Gedanken, daß ich auch an Orten, wo genau dieses Angebot an Büchern alternativlos erscheint, nicht ganz verloren bin. Der schmale Band Erzählung für einen Freund ist der erste und einzige Roman der Autorin, die 1967 sehr jung verstarb und in ihrer Heimat Polen vor allem als Lyrikerin bekannt ist. Das Wissen um diese Einzigartigkeit hat den Wunsch nach mehr zu einem unerfüllbaren werden lassen. Und obwohl ich ihre Gedichte sehr zu schätzen weiß, sind sie kein Ersatz für die Erzählstimme, deren Klang ich so gern gefolgt bin. So erging es mir auch mit Sylvia Plath und ihrem Roman Die Glasglocke, der in einer Frankfurter Flughafenbuchhandlung auf mich gewartet hatte. Er war der Stein des Anstosses für eine sehr lange, sehr intensive Beschäftigung mit den Büchern der Schriftstellerin, die zu meiner Freude auch einige Erzählungen und Tagebücher hinterlassen hat. An Sylvia Plath habe ich mich regelrecht abgearbeitet. Halina Poświatowska und Sylvia Plath starben beide in jungen Jahren, die eine an einem kranken Herz, die andere durch eigene Hand. Ein krankes Herz hat wohl auch bei letzterer eine Rolle gespielt, wenn auch nicht im pathologischen Sinne. Beide Frauen litten einen Großteil ihres Lebens an einer schweren Krankheit, die das Schreiben dieser Frauen durchdrang und die sich als Spiegel zeigte, an dessen Bild sich die Welt zu messen hatte. Obwohl Poświatowska und Plath kaum je in einem Atemzug genannt werden, sind die Parallelen zwischen ihnen augenscheinlich. Zwischen ihren jeweiligen Geburts- und Sterbedaten liegen nur wenige Jahre. Beide haben am Smith College in Massachussetts studiert, wenn auch unter verschiedenen Voraussetzungen. Halina Poświatowska reiste in jenem Jahr von Europa in die USA in dem Sylvia Plath ihre amerikanische Heimat in Richtung Europa verließ. Ein zufälliges Zusammentreffen in Amerika wäre eher unwahrscheinlich gewesen. Nicht so bei mir. Der Zufall hat sie beide zu mir geführt.

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