Späte Liebe

„Der Hemul wachte langsam auf. Dann fiel ihm wieder ein, wer er war, und er wünschte, er wäre jemand anders. Er war noch viel müder als am Abend zuvor, als er schlafen gegangen war. Das hier war nun ein neuer Tag, und er würde bis zum Abend dauern, und dann kam der nächste und dann noch einer, und so würde es ewig weitergehen, lauter Tage voller Hemul-Sein.“

 

Ich kann nicht genau sagen, wann ich wieder auf die Mumins gestoßen bin. Nur eines ist ziemlich sicher, ich war weit jenseits meiner Kindertage, aus denen ich nur eine unangenehme Erinnerung an eine damals laufende Trickfilmserie mit mir trage. Das empfohlene Lesealter auf der Rückseite der Mumin-Bücher ist mit 8 Jahren angegeben. Es würde mich sehr interessieren, was mein 8-jähriges Ego zu dieser wunderbaren Mumin-Welt gesagt hätte. Leider werde ich dies nie erfahren.

Menschen, die sich in Interviewsituationen befinden, werden oft gefragt, welche Persönlichkeiten, ob schon verstorben oder noch unter uns weilend, sie gern einmal kennenlernen würden. Die Antworten darauf interessieren mich meist sehr, nur die Frage möchte ich eigentlich nicht gestellt bekommen. Die Situation ist für mich nur schwer vorstellbar, ein Treffen auf Augenhöhe könnte das nicht sein und für spontanen Smalltalk bin ich nicht geeignet. Nach diesem Treffen würde ich mich keinen Deut besser fühlen, im schlimmsten Fall enttäuscht von mir und meinem Gegenüber* und welche Fragen würde man bei einem solchen Gespräch berühren, die man sich nicht schon selbst beantworten könnte. Einzig vorstellbar für mich: Ich würde gern mich selbst als Kind kennenlernen, gern in verschiedenen Lebensaltern. Fragen hätte ich genug.

Wäre ich ein Mumin-Mensch-Kind gewesen? Ich weiß es nicht. Manchmal fühle ich mich als Erwachsener mehr Kind als ich es je gewesen bin. Die Mumin-Welt ist wundersam poetisch, melancholisch, voll unscheinbarer Weisheit und ganz nah dran am Menschen mit all seinen widersprüchlichen Facetten. Das liebe ich! Es gibt kein Gut ohne ein Böse, schwarz und weiß mischen sich in liebenswerter Vielfalt, und das Ergebnis ist alles andere als grau. Vorlieben, Abneigungen, seltsame Gewohnheiten, die immer wieder eine unsichtbare Mauer zwischen Menschen hochziehen, werden in der Welt der Tove Jansson in ein sanftes Licht getaucht und erscheinen plötzlich weniger befremdlich.Es gibt Zeiten, in denen ich mich in solche Bücher fallen lassen kann und Zeiten, in denen mein Blick sie nur im Bücherregal streichelt in dem Wissen, daß sie da sind, wenn ich sie brauche.

Ich habe mich sehr gefreut, als im letzten Jahr anläßlich ihres 100. Geburtstages viel geschrieben und gesprochen wurde über Tove Jansson. Die Entdeckung ihrer „Erwachsenen-Bücher“ steht mir noch bevor. Darauf freue ich mich.

Die Mumin-Bücher im Arena-Verlag

Die Mumin-Comics bei reprodukt

* Janet Frame beschreibt in ihrem Roman „Dem Sommer entgegen“ eine solche Szene, bei der eine Schriftstellerin mit einem jugendlichen, sie verehrenden Paar zusammentrifft

 

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